Autorenhomepage von H. L. Ween

ALPTRAUM 

- ein Märchen ganz eigener Art -

1.

Olga Kuhn erfuhr die Neuigkeit von Busenfreundin Claire. Zwischen zwei Aufschlägen beim Montagstennis, mit dem die beiden Damen der Hamburger Gesellschaft die Woche einläuteten. „Kann ich mich auf dich berufen?“, fragte sie sicherheitshalber, als sie zum Handy griff und wählte erst, als die Französin heftig nickte, die Rufnummer ihres Gatten.

„Undank ist der Welt Lohn“, meinte der Angetraute nur, der noch in seinem Büro saß, aber auf dem Sprung zum Kultursenator war und diesen keineswegs verärgern wollte, indem er sich verspätete. Andererseits ging das Telefonat mit Olga ausnahmsweise vor. Sein bestes Pferd im Stall, hatte sie ihm gerade mitgeteilt, war drauf und dran, zur Konkurrenz zu wechseln. Und das durfte er nicht zulassen, wenn er nicht den Fortbestand des Unternehmens gefährden wollte. „Ich habe“, fuhr er schließlich fort, „schon eine Idee, wie wir dieses Arschloch fertigrühren können, warte es nur ab! Aber das erzähle ich dir am Abend. Ich muss jetzt los. Der Herr Senator lässt bitten ...“

2.

Eigentlich hatte es Paul nicht nötig. Er war ein guter Autor. Der Verleger meinte sogar, ein verdammt guter. Und der Verkauf seiner Anteile an der größten Anwaltssozietät des Landes hatte genug für ein sorgenfreies Leben in seinem Chalet nahe Grindelwald eingebracht. Dumm nur, dass Paul nicht nein sagen konnte: Vor allem, wenn eine Frau im Spiel war. Noch dümmer, dass Paul zwar viel über Gott und die Welt nachgedacht hatte, weniger aber über sich selbst.

Dabei fing es ganz harmlos an. „Hast du am Wochenende Zeit?“, fragte ihn der Chef des Hamburger Rotweiß-Verlags beiläufig am Ende eines Telefonats. „Gunda möchte dich kennenlernen ...“

Paul stockte der Atem. Gunda Gaus-Hohnstein. Star des literarischen Pornohimmels. Autorin von so schlüpfrigen Büchern wie „Verfickt und zugenäht“! Die für ihre vier Lebensjahrzehnte ungemein attraktive Dame hatte ihn schon auf sündige Gedanken gebracht, als sie Wochen vorher in einer Talk Show über ihr Doppelleben als Schriftstellerin und Hardcore-Domina sprach. Als wäre es das Normalste für eine rothaarige Schönheit, vormittags ihre Kunden windelweich zu prügeln und ihre Erlebnisse in den Abendstunden prosaisch zu überhöhen.

„Ich zahl dir auch den Flug!“, versprach Dieter Kuhn gönnerhaft, als er nicht sofort ein klares „Ja!““ hörte.

„Willst du mich beleidigen?“ Paul war einige Sekunden richtig wütend, fing sich aber schnell. „Ich nehme zwar das Autorenhonorar gern mit, aber sonst musst du mich nicht alimentieren. Ich weiß nur noch nicht, wie ich es Big beibringen soll ...“

„Bring sie doch mit!“, platzte es aus dem Verleger heraus. Und dann: „Vergiss es, keine gute Idee, Gunda will, dass du allein kommst.“

Paul war zufrieden, dass ihn jetzt niemand sah. Er spürte die Hitze, die in ihm hochstieg, und in seinem Kopf tanzten Derwische herum, die ihn über Gebühr irritierten. „Ist schon gut, ich komme“, krächzte er und fragte sich hinterher, was die Autorin wohl von ihm wollte ...

3.

Birgit „Big“ Hübner, wie Paul aus dem deutschen Norden stammend und in einem Luzerner Vorort zu Hause, war seit zwanzig Jahren seine Lebensgefährtin, teilte aber nur sporadisch mit ihm Tisch und Bett. Gleichwohl reagierte sie seltsam zickig, als er den gemeinsamen Opernbesuch in Zürich wegen der Reise zum Verleger absagte. „Was will die Schnepfe von dir?“, fragte sie mit Häme in der Stimme. „Stehst du etwa auf so was?“

„Quatsch!“ war das einzige Wort, das ihm als Antwort einfiel. Und an das er sich erinnerte, als ihn die Schriftstellerin drei Tage später ganz selbstverständlich an die Hand nahm und sich mit ihm von Kuhns anderen Gästen entfernte. Gunda trug ein bodenlanges Kleid aus weißer Seide, ein Gedicht, das gewiss mehrere Tausend Franken gekostet hatte. Dazu atemberaubende, gleichfarbige Stilettos und eine Silberfuchsstola, die ihre bloßen Schultern bedeckte und Pauls Sinnen ebenso schmeichelte wie der aufgetragene Duft – Chanel war immer noch, fand der Bestsellerautor, das femininste unter allen Damenparfüms.

„Dass Sie mich nicht falsch verstehen, Paul“ ... „Darf ich Sie Paul nennen?“

Der Angesprochene nickte unwillkürlich und die „schreibende Domina“ erzählte ohne Umschweife, was sie von ihm wollte: „Ich bin, lieber Paul, mit meinen Sexbüchern ziemlich erfolgreich. Und trotzdem fehlt den Romanen etwas. Sie sind zu sehr aus der Sicht einer starken Persönlichkeit geschrieben. Die Sichtweise der mehr oder minder freiwilligen Opfer fehlt weitgehend ...“

Paul, der zuvor die wichtigsten Werke von Gunda quergelesen hatte, fand sein eigenes Urteil bestätigt und wollte wissen, was er zur Problemlösung beitragen könne.

„Hat dir, äh, Ihnen ...“

„Das Du ist in Ordnung“, warf Paul ein, und die Domina lächelte wie ein Engel. „Den Verbrüderungskuss holen wir nach. Ansonsten wundert mich, dass dir Dieter keinen reinen Wein eingeschenkt hat. Ich will dich als Lektor und Agent, entweder dich oder gar keinen!“

„Lektor?“ Paul schüttelte unwirsch den Kopf. „Das hab ich nicht gelernt. Kommt gar nicht in die Tüte! Außerdem ...“

Der Autor verschluckte den Rest des Satzes, weil schon die kleinste Indiskretion alles zunichtemachen konnte. Den bevorstehenden, aber noch nicht fixierten Übertritt zum größten europäischen Verlagskonsortium. Eine unglaublich hohe Vorauszahlung für jedes neue Buch. Die garantierte Verfilmung ...

„Dieter hat schon zugestimmt!“

Der erfolgsverwöhnte Thriller-Spezialist war sprachlos. Was trieben die Pornoqueen und der ach so brave Verleger hinter seinem Rücken? Sollte er durch die Lady abgelenkt, in seinen Wechselambitionen ausgebremst werden?

„Mach dir keinen Kopf um deine Zukunft ...“ Gunda schien Gedanken lesen zu können. „Ich werde dich beflügeln ...“

Paul spürte, wie Gunda ihn zu manipulieren begann, wollte sie am liebsten stehen lassen und sich bei Kuhn beschweren, doch etwas Undefinierbares hielt ihn fest.

„Willst du mit mir ...“

Paul traute seinen Ohren nicht. „Und keine Bedingungen?“

Gunda lachte „Zwei Unterschriften. Eine unter den Agentenvertrag mit Rot-Weiß, die andere unter den Zusatzvertrag mit mir.“

Jetzt wurde Paul hellhörig. „Zusatzvertrag? Was soll das? Willst du mich versklaven?“

Die letzte Frage, versehentlich herausgerutscht, tat ihm schon leid, als sie über seine Lippen kam. Und die Antwort erschreckte ihn mehr, als er sich anmerken ließ: „Wenn du es willst, warum nicht. Aber ob du es bringen würdest? Meine Sklaven sind überaus harte Jungs, die halten was aus ...“

4.

Drei Wochen später saß Paul vor seinem PC und schüttelte über Gundas Unzulänglichkeiten den Kopf. Wie sollte er ein Manuskript in Form bringen, wenn es wie Kraut und Rüben daherkam? Mit den herkömmlichen Methoden eines Lektorats, die er im Schweinsgalopp gelernt hatte, jedenfalls nicht. Warum hatte er nur diese blöden Verträge unterschrieben?

„Das weißt du ganz genau!“, beschwerte sich sein Alter Ego, und er brummte missmutig: „Hör schon auf, ich hätte mich nie auf den Deal einlassen dürfen ...“

„Aber geil war die Nummer mit ihr, was?“

Paul hätte sein Über-Ich am liebsten getötet, aber das hatte leider in jeder Beziehung Recht. Wie Gunda ihn in herrschaftlicher Pose zugeritten hatte, betörte ihn immer noch. So gekonnt hatte sich noch keine Frau seiner angenommen. Ihn ärgerte nur, dass durch seine Dummheit der Verlagswechsel erst mal auf Eis lag und die Nachricht vom Fremdgehen seiner Big zu Ohren gekommen war. „In zehn Jahren kannst du mich um Verzeihung bitte“, hatte sie ihm anschließend gemailt. „Aber bis dahin sollst du in der Hölle schmoren!“

Nun gut, Big befand sich mitten im Klimakterium und neigte zur Trockenheit. Er konnte also von Glück reden, dass er künftig nicht mehr den Geschmack feuchtigkeitsspendender Gele auf seiner Zunge spüren würde, wenn er sie oral befriedigte.

Paul fand, dass seine Gedanken zu oft abschweiften und versuchte sich zu konzentrieren. „Zwanzig Stunden brauchst du für die achtzig Seiten“, hatte Kuhn versichert, aber das galt vielleicht für einen erfahrenen Lektor, nicht aber für ein Greenhorn wie ihn.

Der vor fünf Jahren eingebürgerte Schweizer erhob sich und war mit wenigen Schritten an der Eingangstür des Chalets. Paul trat hinaus und genoss den Blick auf die Eigernordwand wie damals, als er das Häuschen im Beisein des Maklers aus Thun besichtigt und sich sofort in den Berg verliebt hatte. Irgendwie, fand er jetzt, ähnelte der in seiner Anziehungskraft dieser Gaus-Hohnstein. Alle wussten um die von ihm ausgehenden Gefahren, und trotzdem verzichtete keiner, der Bergsteiger genannt werden wollte, auf den riskanten Gipfelsturm. So war es auch mit Gunda, die sich von ihm Prinzessin rufen ließ. Fast wie die Loreley lockte sie die Männer mit unhörbarem Gesang, und wer nicht Obacht gab, verfiel ihr für alle Zeiten.

Paul lächelte versonnen. Seine Autorin wusste, wie sie die Kerle anpacken musste. Mit Zuckerbrot und Peitsche machte sie ihre Opfer gefügig, sogar solche mit gegenteiligen Ambitionen. Nur mit ihm hatte das alles nichts zu tun. Er schätzte sich zwar nicht als sonderlich dominant ein, ließ sich aber auch nicht die Butter vom Brot nehmen. Und wenn Gunda zu quengeln beginnen, ihn zur Eile mahnen würde, wäre sie ihn ebenso schnell los, wie sie ihn gewonnen hatte.

5.

An einem verregneten Oktobertag war Paul mit dem ersten Lektorat seines Lebens durch. Schade nur, dass es bei näherem Hinschauen kaum noch Gundas ursprüngliches Skript war. Zwölf Stunden hatte er erfolglos an den ersten dreißig Seiten gefeilt, hier einen Satz umgestellt, da einen unzutreffenden Ausdruck korrigiert. Aber es blieb Stückwerk. Schließlich hatte er die Story mit seinen eigenen Worten noch einmal zu schreiben begonnen und vom Zwischenergebnis die ersten zwanzig Seiten an Gunda gemailt.

„Genauso!“, hatte sie geantwortet und einen winzigen Rollentausch vorgenommen. Er war fortan der Autor und sie die Lektorin, die sich jede Woche von ihm berichten ließ, wie weit er mit dem Text gekommen war. Die ihn kritisierte, wie er es mit seinen ureigenen Werken nie erlebt hatte. Er protestierte zwar, drohte gar, alles hinzuschmeißen, aber sie lachte dann nur, zwitscherte keck: „Eine wie mich verlässt keiner. Und merkst du nicht, wie sehr du schon auf mich fixiert bist?“

Jetzt also war das Debüt vollbracht, und Paul wurde immer ungeduldiger, weil Gunda nichts von sich hören ließ, auch nicht abnahm, wenn er sie anrief. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er setzte sich mit Dieter Kuhn in Verbindung, bat um Vermittlung eines Dates mit der Pornoautorin und musste sich einige gehässige Bemerkungen anhören, ehe der Verleger ihm zusagte, sich des Anliegens anzunehmen.

6.

Gunda besah sich Kuhns Hintern und tätschelte seinen Kopf.

„Du warst ganz schön tapfer“, lobte sie den Hanseaten, der in regelmäßigen Abständen bei ihr aufkreuzte und Rollenspiele über alles liebte. Heute hatte ihn die Domina in ein mittelalterliches Burgfräulein verwandelt und ein strenges Regiment geführt. Ganz nach den Wünschen des VIP-Kunden, der seine Fantasien schon vor der Anreise formulierte, damit sie alles nach seinen Wünschen vorbereiten konnte.

„Schluss für heute?“

Gunda nickte. „Du wolltest noch was Geschäftliches mit mir besprechen.“

Kuhn erhob sich von den Knien, schwang vor dem großen Spiegel, der eine halbe Wand einnahm, die Hüften wie eine Ballettratte und setzte sich dann hin. „Hast du was vom anderen Verlag gehört?“

Gunda, in schwarzes Leder gehüllt, hielt immer noch ihre Lieblingsgerte in den Händen und grinste: „Es ist vorteilhaft, vernetzt zu sein. Ein Herr aus der erweiterten Führungsebene war ganz Ohr, als ich ihm von den Eskapaden des vermeintlichen Neuzugangs berichtete. Und ich bin mir sicher, dass sie Paul demnächst nach Verträgen befragen, die ihn an einem Wechsel hindern könnten. Da wird unser gemeinsamer Freund aber schlucken. Soll ich das Spiel mit ihm trotzdem fortsetzen?“

Der Verleger lachte lauthals. „Was dachtest du denn? Forme ihn zu deinem Ghostwriter, und deine Bücher werden größeren Erfolg haben als seine. Er schreibt, und du kannst tun und machen, was du willst!“

Gunda ließ ihre Gerte einige Male auf ein Kissen niedersausen und meinte dann: „Eigentlich ist er ein armer Kerl, aber was kann ich für meine sadistischen Neigungen? Beginnen wir also mit seiner Umformung ...“

7.

Vier weitere Tage ließ Gunda ihren Lektor schmoren, dann rief sie ihn an. Mitten in der Nacht. Ihre Stimme klang härter als sonst, und was sie von sich gab, machte Paul sprachlos. Sie warf ihm vor, sich zu wenig in die Rolle des Opfers hineinversetzt zu haben. Forderte ihn auf, das gesamte Werk unter diesem Gesichtspunkt nochmals zu bearbeiten und setzte ihm Fristen, die er beim besten Willen nicht halten konnte.

„Und wenn ich nicht mitmache? Ich bin doch nicht dein Untertan!“

Nach dieser Bemerkung legte Gunda grußlos auf, und er erhielt dafür am folgenden Morgen eine kurzgefasste Mail, deren Inhalt ihn endgültig aus dem Gleichgewicht brachte.

„Du warst impertinent, Paul. Das steht dir nicht zu, auch wenn ich dein Manuskript in Wirklichkeit liebe. So sensibel, wie du die Zofe Berta gezeichnet hast, hege ich den Verdacht, dass du eine gewisse Unterordnung brauchst, um dich wohl zu fühlen. Als nächstes Manuskript wirst du deshalb mein Meisterwerk „Unterwerfung“ lektorieren. Ganz so wie das erste Buch. Es finden sich im neuen Skript hundert Lektionen für Anfänger und Fortgeschrittene, und es liegt an dir, ob ich meiner Paula dabei über die Schulter schauen muss!“

Paul schnappte nach Luft. Was bildete sich diese Ziege ein? Wer war sie denn im Vergleich zu ihm? Vor allem die Bezeichnung Paula beleidigte ihn zutiefst. Da konnte er ja gleich einen Rock anziehen! „Mich macht die nicht kirre“, murmelte er, als er danach zum Einkaufen aufbrach. Und erwischte sich unterwegs dabei, wie er im Rückspiegel nach weiblichen Formen in seinem Gesicht forschte.

„Ganz schön eitel!“, fand ein anderer Autofahrer, der in der Tiefgarage zeitgleich mit ihm seinen Wagen verließ. „An Ihnen ist ja ein Mädel verloren gegangen!“

Das saß. Paul errötete wie ein beim Rauchen erwischter Zehnjähriger, sah dem Fremden mit giftigen Blicken nach und nahm sich vor, Gunda nach der Heimkehr anzurufen und zusammenzustauchen.

8.

Es schneite ohne Ende, und Paul erinnerte sich wehmütig an vergangene Zeiten. Die lagen zwar nur wenige Monate zurück, doch schien seither eine Ewigkeit vergangen zu sein. Wie glücklich er einst gewesen war. Beruflich als Autor auf dem Weg zum Gipfel, noch ohne Zweifel an seiner männlichen Identität, hatte er mit Big abwechslungsreichen Sex und mit anderen Frauen auch manches Nebenvergnügen, wie er das Fremdgehen verniedlichend nannte. Kurzum – er war ein glücklicher Endvierziger, dem fast alles in den Schoß fiel.

Dann war Gunda in sein Leben getreten, und seitdem ging es in diesem drunter und drüber. Es war ja nicht so, dass er keinen Spaß mit ihr gehabt hätte. Im Bett als Liebhaber und sogar als ihr Lektor. Schließlich gehörte das Sammeln von Erfahrungen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Doch dann, nachdem er bei der ersten Nennung des neuen Rufnamens Paula und gegen das Manuskript mit den sadomasochistischen Lektionen vergeblich aufbegehrt hatte, waren die Daumenschrauben angezogen worden. Ganz langsam, aber dafür umso nachhaltiger. Gunda gewann die Oberhand, übte jeden Tag ein Stückchen mehr Kontrolle über ihn aus, ohne dass er sich ernsthaft zu wehren vermochte. Und seit vor zwei Wochen die Absage des großen Verlags ins Haus geflattert kam, war es endgültig mit seiner Selbstsicherheit vorbei. Inzwischen nahm er es sogar wie selbstverständlich hin, dass Webcams in jedem Raum alles aufzeichneten und unmittelbar an Gunda übermittelten, was sich im Chalet abspielte. Bis hin zur unter diesen Umständen hochnotpeinlichen Verrichtung der Notdurft.

Paul riss sich aus seinen Gedanken, als Gundas Gesicht auf dem Bildschirm seines PC erschien.

„Ja?“ knurrte er übellaunig.

„Wie heißt das?“, bellte Gunda, und Paul zuckte zusammen.

„Guten Morgen, Herrin!“

„Wie läufst du denn rum? Wie eine Schlampe!“

Paul fand, dass er halbwegs korrekt angezogen war. Aber ehe er noch mehr Ärger mit der von ihm namentlich mit Lady Alcantara anzusprechenden Domina bekam, gab er lieber klein bei und kniete nieder.

„Und?“

„Ja, Herrin, ich laufe rum wie eine Schlampe ...“

„Dann wirst du dir zur Buße etwas wehtun. Du weißt schon, zehn rechts und zehn links.“

„Zu Befehl, Herrin“, flüsterte er, raffte ergeben Rock und Schürze und tat, was die Lady ihm aufgetragen hatte. Zehnmal klatschte die von seiner Hand geführte Gerte auf die eigenen Pobacken, dann war die Prozedur vorbei und es kehrte Stille ein.

Erst Minuten später meldete Gunda sich wieder mit einem Wortbeitrag: „Warst du gestern im Internetcafé?“

Paul versuchte, so unschuldig wie möglich zu wirken. „Natürlich nicht, Herrin, es ist mir doch verboten worden!“

„Na gut“, lenkte Lady Alcantara ein, „ist ja bald Weihnachten. Du kannst dich jetzt wieder hinsetzen. Aber ich will immer wissen, mit wem du chattest oder auf andere Weise kommunizierst. Haben wir uns verstanden?“

„Ja, Herrin“, flüsterte Paul und bereute aufrichtig, sich dieser Gewitterziege ausgeliefert zu haben. Wenigstens, ging es ihm durch den Kopf, fand er Trost beim Chatten im Internetcafé von Grindelwald, unbeobachtet von der Sexautorin, die auf ihn wie die weibliche Ausgabe des großen Bruders in „1984“ wirkte.

9.

Dieter Kuhn wunderte sich wie in jedem Jahr über das innige Verhältnis der beiden Frauen, die mit ihm in der Villa an der Außenalster das Weihnachtsfest feierten. Seit einem Jahrzehnt reiste die Eidgenossin in ihrem flotten Bugatti an, und wenn sie ihrer Konkurrentin um seine Gunst gewahr wurde, ließ die Autorin erstaunlicherweise alles fallen, was sie sie gerade trug und herzte sie wie eine lange vermisste Liebhaberin.

„Was verbindet euch eigentlich?“, hatte er Gunda bei der letzten Visite in der Schweiz gefragt, aber keine befriedigende Antwort erhalten. „Das verstehst du nicht!“, waren die einzigen Worte gewesen, bevor sie ihn mit dem Paddle weiter bearbeitete und bis an seine Schmerzgrenze trieb.

„Wollen wir uns jetzt bescheren?“, fragte der Verleger die beiden Tischgesellinnen nach dem Gänsebraten, der im Hause Kuhn seit Urzeiten am Heiligen Abend aufgetan wurde. Als bewusste Marotte, um sich vom Plebs abzusetzen, wie Kuhns Vater es einst formuliert hatte.

„Au, ja!“, rief Olga, aber Gunda bremste deren Euphorie: „Ich würde vorher gern über Paul sprechen!“

Die hanseatischen Gastgeber stutzten einen Moment, fassten sich dann an den Kopf und grinsten verschwörerisch.

„Ich verstehe“, murmelte der Verleger. „Du willst ein Extrageschenk ...“

Die Zürcherin wirkte jetzt fast verlegen. „So direkt wollte ich das gar nicht ausdrücken. Es geht mir darum, dass ich meine Aufgabe zwar erfüllt und Pauls Verlagswechsel verhindert habe, aber mehr will. Viel mehr ...“

Kuhn war seine Skepsis ins Gesicht geschrieben. Wenn Gunda Paul weiter so triezte, war der in wenigen Wochen ein Fall für die Psychiatrie. Und in einer solchen Verfassung war er womöglich noch eine Trophäe für die Schweizerin, aber weder als Lektor noch als Autor einsetzbar. Mit anderen Worten, er würde sich schaden, wenn er Gundas teuflischem Ansinnen entsprach.

„Ist das geil!“

Kuhn sah Olga irritiert an. „Was hast du dich denn einzumischen? Das ist jetzt geschäftlich, Schatz!“

Die Gattin hatte schon einige Aperitifs hinter sich und maunzte: „Jetzt ist aber gut, Kater. Du lässt dich von Gunda für viel Geld verhauen, da kann ich mir doch wenigstens einen Logenplatz sichern, wenn meine Süße sich Paul vornimmt!“

„Recht hat sie“, fand die Autorin. „Und außerdem will ich ihn nicht völlig kirre machen. Sonst müsste ich womöglich wieder selbst schreiben, hihi ...“

Kuhn sah ein, dass er gegen die Busenfreundinnen keine Chance hatte und formulierte einen Kompromissvorschlag: „Also gut. Wenn ich ihn mir auch mal vornehmen darf, ist er deiner!“

„Bist du jetzt schwul?“ fragte Olga vorwurfsvoll, und Gunda beeilte sich, einige Dinge geradezurücken, ehe sich der Verleger vielleicht um Kopf und Kragen redete.

„Dieter ist nicht schwul, Olga. Jedenfalls nicht so, wie du es dir vorstellst. Er ist nur scharf darauf, einmal aus der Rolle des Submissiven herauszukommen. Und da scheint ihm Paul, der fast schon eine Paula ist, das geeignete Objekt der Begierde zu sein. Stimmt´s, Liebling?“

Der Verlagschef wurde im Gesicht knallrot, nickte verlegen und Olga sinnierte: „Wo bin ich bloß hingekommen? Unter die Ferkel, würde ich sagen ...“

„Und du bist Chefin der Schweinegang!“

Diese Vorstellung fand Olga amüsant. Und als die Autorin der Freundin anbot, sie ebenfalls zwecks Vermittlung von dominantem Grundlagenwissen an die künftige Paula heranzulassen, hing der Haussegen an der Alster endgültig nicht mehr schief.

10.

Derweil die Kuhns und seine Herrin unterm Tannenbaum standen, „Stille Nacht, heilige Nacht“ sangen und von einer Menage à Trois träumten, war Paul Gefangener in seinen eigenen vier Wänden. Gewiss hatte Lady Alcantara für sein leibliches Wohl vorgesorgt, sogar für ausreichend Klopapier, aber dass alle Türen und Fenster verrammelt waren und er oberhalb des rechten Knöchels zu allem Überfluss auch noch eine Fußfessel mit Aufschluss zu Gundas Handy trug, ärgerte ihn doch arg. Dazu dieses widerliche Manuskript auf seinem Schreibtisch! Soweit bei dieser Loseblattsammlung von so etwas gesprochen werden konnte. Wie hatte die Lady nur solchen Müll in ihrem Kopf entstehen lassen können? Allein der Titel: „Totgevögelt“ nannte sich das neueste Machwerk. Und es ging darin um zwei Protagonisten, deren Schicksal schon eingangs besiegelt schien. Um einen üblen Kidnapper mit der Spezialität Haut aufritzen und ein zierliches Entführungsopfer namens Pauline, das im Laufe der Zeit immer größeren Gefallen an den Prügel- und Schnittorgien des Herrn und Meisters fand.

„Und den Scheiß soll ich aufpeppen?“, kreischte er hysterisch und warf sich heulend zu Boden. Minutenlang lag er da und weinte sich die Augen aus, bis ihm die Lächerlichkeit seines Auftritts bewusst wurde. Von Gunda vor deren Abreise herausgeputzt, sah er wahrscheinlich schrecklicher aus, als ein volltrunkener Teenager mit nassem Höschen. Und wenn er den Rest seiner Ehre retten wollte, musste er sich zusammenreißen und endlich der grausamen Lady Alcantara mit Macht widersprechen. Diese Schwarte der Herrin brauchte keinen Lektor, sondern einen Altpapier-Container. Voller Empörung griff er nach dem Handy und wählte die Nummer von Lady Alcantara.

11.

Gundas Handy läutete im ungünstigsten Augenblick. Ihre Scham war von Kuhns Zunge belegt, während sie ihrerseits Freundin Olga oral zu befriedigen versuchte. Im ersten Moment war sie noch fest entschlossen, den Anruf zu ignorieren, doch dann bekam sie ein schlechtes Gewissen. Nur ihr Lektor kannte die Nummer, und womöglich befand er sich, weil in seinem Chalet eingesperrt, in einer Notlage.

Sie hangelte nach dem Mobiltelefon, vergewisserte sich mit einem Blick aufs Display, dass tatsächlich ihr Lieblings-Sub sie zu sprechen wünschte und nahm den Anruf entgegen, nachdem sie sich von Olga gelöst hatte. Dass ihr Verleger weiter mit seiner Nase in ihr steckte, fand Gunda pikant, aber nichts dabei, sich während des Gesprächs mit Paul weiter verwöhnen zu lassen.

„Was ist, Paula?“, fragte sie halb besorgt, halb verärgert und schon begann der Lektor wie ein Wasserfall zu reden. Zeitweise war er kaum zu verstehen, weil ihn Heulkrämpfe plagten, und Gundas Stimme verhieß, als sie ihn einige Male kurz unterbrach, nichts Gutes für den Schweizer. Kuhn jedenfalls kroch wie ein armer Sünder von der Spielwiese, einem wertvollen orientalischen Teppich aus dem 18. Jahrhundert, und wartete in sicherer Entfernung zusammen mit Olga darauf, welches Inferno gleich über das bedauernswerte Wesen am anderen Ende der Leitung hereinbrechen würde.

Und dann kam das Feuerwerk auch schon, aber so gedämpft, dass die Kuhns verwundert den Kopf schüttelten.

„Du hast ja Kreide gefressen“, fand Olga, als sich der Gast ihnen wieder zuwandte. „Wolltest du Paul nicht zur Minna machen?“

Gunda grinste anzüglich, tätschelte Olgas Pobacken und fragte dann:

„Glaubst du ernsthaft, ich würde mir den Spaß verderben lassen?“

Die Hamburgerin schüttelte kaum wahrnehmbar den attraktiven Kopf.

„Du kannst unbesorgt sein. Ich locke Paul in eine Falle, die er nicht vermutet. Ich habe vor fünf Jahren eine Burg in der Nähe von Freiburg gekauft, weil manche Kunden sich gern in Ketten legen lassen. Dass sie dann auch noch auf der gut erhaltenen Streckbank gequält werden, erhöht ihren Genuss ungemein ...“

Der Verleger räusperte sich: „Du willst ihn wirklich kidnappen? Wow! Deshalb deine Anfrage vorhin!“

Gunda lächelte unschuldig. „Was heißt Kidnapping? Habe ich nicht brav reagiert, als er es soeben wagte, mir ein Lektorat zu verweigern? Damit hatte er nicht gerechnet und war deshalb arglos wie ein Kind, als ich ihn zu einem Wanderwochenende einlud. Natürlich werde ich ihn in Freiburg in Empfang nehmen. Und dann geht es auf Schneeschuhen durch den winterlichen Wald ...“

Die Kuhns sahen Gunda verdattert an, bis der Verleger wieder zu sprechen in der Lage war: „Du bist die raffinierteste Person, die ich kenne. Ich möchte dir jedenfalls unter solchen Umständen nicht in die Hände fallen!“

Die schriftstellernde Domina lachte hässlich und meinte nur: „Wenn du mein Buch liest, das ich anschließend schreibe, willst du nichts anderes mehr. Schließlich soll deine Frau mir assistieren, da ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten ...“

„Wie lange willst du ihn, äh, sie in der Burg festhalten?“

Olgas überraschende Frage entlockte Gunda ein teuflisches Grinsen. „Wer sagt, dass ich sie wieder freilassen will? Kannst du mir garantieren, dass sie anschließend nicht zu Polizei geht?“

„Dann sind wir auch dran“, knurrte Kuhn und Olga nickte ergeben.

„Paula wird also“, bekräftigte die Domina ihre Pläne, „aller Voraussicht nach unsere Dauergefangene. Ich habe ein separiertes Verlies für besonders harte Fälle, aus dem kein Laut nach außen dringt, kann also sogar in der Burg Kunden verwöhnen, ohne dass die von ihrer Leidensgenossin was mitkriegen. Und noch einmal. Vergesst Paul. Der hat wegen der vielen Hormone im Essen schon kleine Brüste! Und der Schniedel taugt nur noch zum Pullern.“

12.

Die Herrin, fand Paul beim Zubereiten des Silvestermenüs in der Küche ihrer Zürcher Stadtwohnung, hatte sich in den letzten Tagen wie verwandelt gezeigt. Erst die milde Reaktion auf seine weihnachtliche Hysterie. Dann ihr Telefonat mit ihm aus dem Bugatti heraus, als sie auf dem Rückweg von Hamburg in die Schweiz war und ihn spontan zu sich einlud. Natürlich hatte er Ja gesagt, und jetzt würden sie wie ein verliebtes Paar ins Neue Jahr hineinfeiern. Um Mitternacht anstoßen und dann ... Wer weiß, vielleicht durfte er sie sogar liebkosen. Nicht mehr als Paul, aber was sprach gegen den Einsatz seiner flinken Zunge? Und morgen früh würden sie zu einer Wanderung rund um den Zürcher See aufbrechen. In zünftiger Kleidung, die sie gestern besorgt hatte. Und diese Frau sollte eine Sklavenhalterin sein? Nein. Sie hatte sich nur verstellt, und jetzt kam ihre warme, herzliche Natur zum Vorschein.

„Ich bin verliebt!“, kam ihm schließlich in den Sinn, und er fragte sich, wer sich da eigentlich in Lady Alcantara verknallt hatte.

Derweil ging Gunda noch einmal ihren Plan durch. Sie hatte in den letzten Tagen, als Voraussetzung für sein Gelingen, so viele Lügengeschichten erzählt, dass die Polizei auf jeden Fall im Dunkeln tappen würde. Paulas Erinnerungen wären, wenn sie je wieder freikäme, ohnehin getrübt. Kein Wunder nach den Ingredienzen des Silvestermenüs. Wenn überhaupt, käme sie auf die Vorfreude zu sprechen, die sie angesichts der nahen Freiheit empfunden hätte. Die Hanseaten hingegen würden von der geplanten, aber zu ihrer Verärgerung abgesagten Tour durch den Schwarzwald berichten. Und ihre Kolleginnen in den Studios? Die würden eine Flucht vor ihren Gläubigern vermuten, wenn die Rede auf ihr plötzliches Verschwinden käme

Tatsächlich würde ihre Zofe mitten in der Nacht zusammenbrechen und mit dem Rettungswagen in die zentrale neurologische Klinik gebracht werden. Kein Wunder bei Symptomen, die auf einen Schub der Multiplen Sklerose hindeuteten. Dass sich die Beschwerden rasch legen würden, wussten nur sie und Chefarzt Dr. Krumm, der auch Stammkunde bei ihr war, allerdings als Master, der mit hartgesottenen männlichen Sklaven experimentierte. Er durfte, das war zwischen ihnen abgemacht, die werdende Paula wie eine ganz normale Privatpatientin behandeln und zuschauen, wenn die Lady ihr Opfer zur Brust nahm. Ziel war es, seine Psyche so zu manipulieren, dass es sich als seiner Herrin völlig ergebene Sklavin fühlte. Bereit, ihr bis zum Tod ergeben zu dienen.

 

13.

Paula, von Dr. Krumm nach der Einlieferung in künstliches Koma versetzt, dümpelte tagelang auf einem interstellaren Meer dahin. In einem verwunschenen Segelschiff als Gefangene des Piratenkapitäns, der sie als eine Art Geisel betrachtete. Immerhin ging mit diesem Status eine gewisse Überlebensgarantie einher. Starb sie, hatte er gegen seine vielen Feinde kein Pfand mehr in der Hand. Gleichwohl bekam es Paula immer wieder mit der Angst zu tun. Während gewaltiger Seeschlachten und wenn hohe See aufkam, verbunden mit unvorstellbaren Orkanen, die sogar den Freibeutern das Beten beibrachten.

Und noch eine Figur erschien ihr. Stunden, bevor sie peu à peu aus den Nebeln des Grauens auftauchte und in den nächsten, sehr viel realeren Alptraum hineinglitt. Eine Hohe Dame, wie sie sich nannte, stellte sich als neue Gebieterin vor, erinnerte sie an den Treueschwur gegenüber einer gewisse Gunda und strich immer, wenn sie zu ihr trat, spielerisch über das einst so mächtige Glied. „Er schrumpft schon“, meinte sie dann scheinbar mitleidig. „Und je weniger von ihm übrig bleibt, desto hingebungsvoller wirst du mir dienen ...“

14.

Paula hob erst das rechte, dann das linke Augenlid vorsichtig an. Ordnete die zu ihren Ohren dringenden Wortfetzen den Personen zu, die sie durch die Sehschlitze erkannte und schloss die Lider wieder. Die drei Männer und vier Frauen im Zimmer sahen zwar aus wie Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, fachsimpelten aber über ganz andere Themen. Und weil ihr nicht gefiel, was sie hörte, stellte sie sich schlafend und ließ auf sich einwirken, was diskutiert wurde.

„Ich bitte alle hier Versammelten um äußerste Diskretion“, fasste Lady Alcantara die Diskussion zehn Minuten später zusammen. „Unsere transsexuelle Patientin ist eine multimorbide Persönlichkeit, die von uns höchsten Einsatz verlangt. Einerseits müssen wir uns um die MS kümmern, die einen ungewöhnlichen Verlauf nimmt. Andererseits gibt es diese von der Psychiatrie schon bestätigte Persönlichkeitsstörung, die wir im Spezialtrakt behandeln müssen. Da werden Beschäftigungstherapie und Elektroschocks bei Zwangsfixierung, Elemente viktorianischer Pädagogik und andere Komponenten einfließen, damit Paula Gutenmorgen irgendwann ein Leben in eigener Verantwortung führen kann. Noch Fragen?“

Die anderen schüttelten den Kopf und Chefarzt Dr. Krumm wies die Pfleger und Schwestern an, sofort Alarm auszulösen, sobald die Patientin aufzuwachen beginne. Paula dürfe keineswegs schockartig über die Pläne mit ihr informiert werden. Wenn überhaupt ...

Die angeblich an MS leidende Patientin hätte ihre Empörung am liebsten hinausgeschrien. Das also hatten die Perversen mit ihr vor. Ein willenloser Spielball sollte aus ihr werden, bereit zu allen möglichen Lustbarkeiten. Und wenn sie als Mohr ihre Schuldigkeit getan hatte, was dann? Würden ihr die Sadisten ein Schweigegelübde abverlangen, oder wäre ihnen die Freilassung zu riskant? Und wenn ja, bliebe sie dann hier, eingesperrt in einer Kammer ohne eigene Persönlichkeit und Wünsche? Oder entsorgten die Verbrecher sie wie einen Haufen Hundekot?

Wieder öffnete sie vorsichtig ein Augenlid, und Sekunden später stürzten zwei muskelbepackte Pfleger zu ihr ins Zimmer.

15.

In der zweiten Januarhälfte beschäftigten zwei Vermisstenmeldungen die Polizei. Beide Fälle hatten bei vordergründiger Betrachtung wenig miteinander zu tun und nur der Umstand, dass es sich bei den abhanden gekommenen Personen um Autoren eines deutschen Verlags handelte, führte zu einer Schnittmengenmeldung im gemeinsamen Computersystem aller Kantonspolizeibehörden und in der Folge zu konzertierten Suchmaßnahmen. Bei den Befragungen in Zürich und Grindelwald wurde schnell klar, dass es sich bei den beiden um ein Paar handelte. Sie waren in den letzten Monaten häufig zusammen gesehen worden, und vieles sprach dafür, dass sie irgendwo in der Südsee Honeymoon feierten und aus guten Gründen niemandem von ihren Plänen erzählt hatten.

Als die Kantonspolizei in Zürich sechs Wochen später wegen unveränderter Sachlage einen neuen Anlauf unternahm, den Aufenthaltsort der Vermissten ausfindig zu machen und zu diesem Zweck ihre Passfotos veröffentlichte, hätten einige Schweizer dem Kommissariat durchaus sachdienliche Hinweise geben können. Von den Sanitätern im Rettungswagen bis zu den Beschäftigten der obskuren Nervenklinik, die Gunda als falsche Ärztin mit sadistischen Neigungen und den Autor als Patienten auf dem Weg zur Geschlechtsumwandlung kannten. Aber alle waren Chefarzt Dr. Krumm zu Dank verpflichtet, sahen in der Spezialbehandlung des Schriftstellers ohnehin eine einvernehmliche Aktion im SM-Milieu und behielten ihr Wissen deshalb für sich.

Ernsthafte Sorgen machten sich letztlich nur Verleger Kuhn und seine Gattin Olga. Sie hatten am verabredeten Treff im Breisgau vergeblich auf Gunda gewartet, nach zwei Tagen frustriert die Rückreise angetreten und seitdem Angst, dass sie irgendwann in die Schlagzeilen geraten könnten. Immerhin gab es Korrespondenz, die sie als vermeintliche Komplizen bei einer Entführung ins Spiel brachte. Und zu allem Überfluss lieferte Gunda keinen literarischen Nachschub, der für einen neuen Bestseller taugte.

Bis zum 23. März. Kuhn sichtete am späten Abend die Post, überflog flüchtig und mit abschätzigen Blick zwei Leseproben, die vor dem Lektor Gnade gefunden hatten und stieß zu guter Letzt auf ein Päckchen mit der Absenderadresse von Gunda. Der Verleger bekam augenblicklich feuchte Hände, zerrte ein gebundenes Manuskript heraus und überlegte, ob er Olga wecken sollte. Ließ es dann aber und vertiefte sich in den dreihundert Seiten umfassenden Roman mit dem passenden Titel „Totgevögelt“.

Die Handlung kam ihm seltsam bekannt vor. Erinnerte ihn an die Fantasien, die Gunda ausleben wollte, wenn sie den armen Paul gefangen hielt. Und je weiter Kuhn im Text vordrang, desto klarer wurde ihm, dass er keinen Roman, sondern eine Dokumentation vor sich hatte. Die Schilderung eines Verbrechens, vom Opfer selbst verfasst. Bis in die frühen Morgenstunden las er sich durch ein Konglomerat aus Blut, Schweiß und Tränen, um anschließend früher als üblich seine Gattin zu wecken und mit ihr das weitere Vorgehen zu beraten.

16.

Paula lag schlaflos in ihrem Bett. Das dritte Mal ohne die lästige Fixierung und sogar ohne Bewacher vor der Tür. Das von Lady Alcantara in Auftrag gegebene psychiatrische Gutachten bestätigte, wovon die Herrin ohnehin längst überzeugt gewesen war. Aus dem Schwerenöter Paul war durch Verabreichung von Hormongaben und Psychopharmaka endgültig eine willenlose Person geworden. Eine Sklavin der Lust, an der nur noch Reste des männlichen Genitals den Gesamteindruck störten. Die Herrin konnte sie inzwischen als Putzfrau und Küchenhilfe in der Klinik einsetzen, ohne dass Paula murrte. Sie sadistischen Männern überlassen, die sie windelweich prügelten und sonst was mit ihr anstellten. Ein Risiko, dass Paula als vermisste Person erkannt wurde, ging die Domina nach ihrer eigenen Einschätzung nicht ein, weil Paula inzwischen ungemein fraulich wirkte und nie und nimmer als eine der vermissten Personen zu erkennen war. Und dass die Zwangspatientin flüchten könnte, war noch weniger zu befürchten, so anhänglich, wie sich Gundas Gefangene inzwischen zeigte.

Und damit nicht genug. Nach anfänglich ernsthaftem Widerstand, von der Herrin gewaltsam gebrochen, hatte Paula in den vergangenen Wochen die Geschichte ihrer eigenen Unterwerfung beschrieben. So drastisch, dass Kenner eine großartige Vorlage zum Nachspielen bekämen und Kuhn einen Bestseller, wie er ihn lange nicht mehr verlegt hatte.

Doch weder der Psychiater noch Gunda Gaus-Hohnstein hatten genug Fantasie, um sich vorstellen, wie es drinnen in Paula aussah. Welche ungeahnten Energien Menschen in größter Bedrängnis freisetzten. Und sie ahnten, wie die übrigen Protagonisten, nichts von dem Plan, den die Gefangene ausgetüftelt hatte. Wenn alles klappte, freute sich Paula insgeheim, würde es in wenigen Stunden zu erheblichen Turbulenzen in der Nervenklinik kommen. Die Gefangene ging den Plan ein ums andere Mal durch, fand beim besten Willen keine Schwachstelle mehr und schlief darüber doch noch ein.

17.

Vera Olm wusste, dass alles von ihr abhing, sie aber gut vorbereitet war. Paula hatte ihr oft genug eingebläut, worauf es ankam, und ihren Part geübt hatte die Reinigungsfrau mehrere Dutzend Male. Den Wagen vor sich herschiebend, in dem alle Reinigungsutensilien Platz fanden, hatte sie die geschlossene Abteilung zu ihrem Tätigkeitsfeld gemacht. Im Tausch gegen eine Kollegin, die sich freute, auf diese Weise ihren Erholungsurlaub ein wenig verlängern zu können. Den Sonderausweis der zuständigen Putzfrau hatten die Pförtner nur anfangs sehen wollen, und selbst da nur einen flüchtigen Blick auf ihn geworfen. Schließlich kannte fast jeder die 35-Jährige und keiner wäre auf die Idee gekommen, sie einer geplanten Straftat zu verdächtigen.

Pünktlich auf die Sekunde zur Stelle, brachte Vera den Reinigungswagen vor Paulas Zimmer zum Stehen und lugte durch die halb geöffnete Tür. Alle, von denen ihre neue Freundin erzählt hatte, waren um das Patientenbett versammelt und Paula ließ sich gerade brav von Dr. Krumm untersuchen. Die Reinigungskraft hüstelte, Paula drehte fast unmerklich den Kopf zu ihr hin und Vera gab zu verstehen, dass sie bereit war.

„Ich muss dringend“, maunzte die Patientin, als Krumm sich das geschrumpelte Genital besah.

„Jetzt nicht!“, brummte der Chefarzt, änderte aber schnell seine Meinung, als erste Harntropfen aus Paula herausquollen.

„Nun gehen Sie schon!“, meinte er genervt zu ihr und zu Gunda: „Es wird Zeit für die Trennung ...“

Paula glaubte jetzt endgültig an das Komplott gegen sie und erhob sich zaghaft. Fragte, ob sie ausnahmsweise die Toilette auf dem Korridor benutzen dürfe und akzeptierte anstandslos, dass der kräftigste Pfleger sie begleiten sollte. Vera bereitete derweil draußen alles vor. Warf den zuvor entzündeten Molotowcocktail, als Paula und der Aufpasser an ihr vorbei waren, ins Zimmer und stellte den Reinigungswagen so hin, dass an ein Herauskommen aus dem brennenden Raum nicht zu denken war.

Paula sorgte derweil mit ihrem aus der Klinikküche entwendeten Kochmesser dafür, dass der Bewacher kein Unheil mehr anrichten konnte. Die Klinge im Unterleib, hatte er gewiss andere Sorgen, als sich mit zwei Verrückten anzulegen.

Paula zog den von Vera mitgebrachten Trainingsanzug über und war mit ihrer Komplizin zwei Minuten später am Durchlass zu den anderen Stationen. Noch ein freundliches Lächeln zu den Männern an der Sicherheitspforte, und schon war für Paula das Schlimmste vorbei. Zwar waren jetzt in unerträglicher Lautstärke die Sirenen zu hören, aber niemand würde auf die Idee kommen, dass da zwei veritable Mörderinnen ins Freie spazierten.

18.

Der grausamen Domina und ihren sadistischen Helfern wurde letztlich die Konstruktion des von ihnen betriebenen Gefängnisses zum Verhängnis. Wenn die Zimmertür wie an diesem schicksalsträchtigen Tag verstellt war, gab es kein Entkommen aus dem fensterlosen Raum. Das vom Molotowcocktail entfachte Feuer breitete sich rasch aus, und ehe sich die Quälgeister versahen, standen die ersten von ihnen in Flammen. Schrien sich die Seele aus dem Leib, was die vielen Teufel im Hintergrund mit Freude zur Kenntnis nahmen.

„Ich sterbe“, jammerte Gunda Gaus-Hohnstein, als es mit ihr zu Ende ging, und vor ihrem geistigen Auge erschien Paul mit einem Dreizack, den er seiner Herrin mitleidlos in die Brust bohrte.

Insgesamt hielt das Inferno keine zehn Minuten an, aber zu retten war von der anrückenden Feuerwehr weder Mensch noch Material. Dafür entdeckten die ebenso hinzugeeilten Kriminalbeamten die Folterkammer der Zürcher Domina, und die Zeitungen waren tagelang voll von den Geschehnissen nahe dem neuen Stadion der Stadt.

Vera tauchte für eine Weile ab, hielt sich bei einem illegalen Einwanderer versteckt, bis die Luft wieder halbwegs rein war und verschwand dann klammheimlich nach Osteuropa, woher ihre Vorfahren einst in die Schweiz gekommen waren.

Paula wusste längst, wer sie war und was sie zu ihrem Glück brauchte. Als Schwarzfahrerin im Zug nach Hamburg ließ sie das letzte Jahr Revue passieren und fragte sich, wie sie solange ihre wahre Identität hatte verleugnen können. Und sie war froh, dass die Kuhns ihr am Telefon versprochen hatten, sie vor der Polizei zu verstecken. Dafür sollte sie den Haushalt in Ordnung halten, aber das machte ihr nichts aus. Schließlich gab es nichts Schöneres, als bei zivilisierten Menschen in die Rolle des Dienstmädchens zu schlüpfen. Und wenn sie Dieter Kuhn richtig verstanden hatte, sollte sie sogar wieder für den Verlag schreiben.

Unglücklicherweise wusste Paula nichts von den weihnachtlichen Gesprächen zwischen den Hamburgern und ihrem Schweizer Gast. Ahnte so nicht mal, dass sie auf dem besten Wege war, vom Regen in die Traufe zu kommen.

Ende