Autorenhomepage von H. L. Ween

Höllenfeuer

ist eine Sammlung längerer Horrorgeschichten von HL Ween, die teilweise schon in anderen Zusammenhängen zu lesen waren.

Ebook von KSB-Media zum Preis von 8,49 €!.

Leseprobe:

Der Hass wütete in ihr wie eine Todesspritze. Vergiftete Herz und Hirn, Leib und Seele. Gespeist von Luzifer, dem Großmeister des Bösen und Gegenspieler Gottes. Da half es auch nicht, auf ein zutiefst gehorsames und frommes Leben im irdischen Jammertal zurückzublicken. Wenn Mütter wie Gerda Sturm Ohrenzeuginnen eines Nervenzusammenbruchs wurden, dessen Opfer ihr Kind war, kam sofort die Frage nach dem warum. Und wenn der Verantwortliche bekannt war, für diesen eine Kaskade übelster Flüche und Verwünschungen.

Regina Kober brabbelte, wenn sie nicht heulte, während des Telefonats nur wirres Zeug, das ihr entwich wie das Faulgas dem Sumpf. Sie glich, wie die 74jährige Mutter fand, einem Tier im Todeskampf. Ins Herz getroffen von einem unverzeihlichen Verrat, dem ein trüber, feuchtkalter Januartag das passende Ambiente verliehen hatte.

Ehemann Benedikt, mit dem Regina seit über zwanzig Jahren Tisch und Bett teilte, hatte sich im Schutz der Morgendämmerung davongeschlichen. Wie ein räudiger Köter. Hatte ihr nur einen lapidaren Brief hinterlassen, in der Küche neben der Kaffeemaschine platziert. Abschiedszeilen, die vor Selbstmitleid trieften und voller Wehklagen über die Gefühlskälte der Angetrauten waren. Für Benedikt der hauptsächliche Grund, in den Armen der Geliebten einen Neuanfang zu wagen ...

Brigitte Patz räkelte sich auf der französischen Liege. Kuschelte ihren rotblonden, leicht lockigen Haarschopf an den nackten Schoß ihres Lovers. Verspürte heißes Verlangen, seine Männlichkeit zwischen ihre immer noch makellosen Zähne zu nehmen und nie mehr loszulassen. Wie ein Kampfhund. Sogar über den Tod hinaus.

Wie sehr hatte sie sich nach diesem Augenblick gesehnt. Nach dem Moment der Entscheidung. Und des Triumphes, dessen pulsierende Trophäe sie so nah spürte. Zum Beißen nah.

Ein knappes Jahr himmelte sie Benedikt schon an. Seit den Abendstunden des 24. Februar 2011, in denen sie seiner emotional gefärbten und dennoch beherrschten Wahlrede im Restaurant Schützenkönig gelauscht hatte. Mit leichten, aber immer spürbaren Vibrationen im Unterleib. Danach hatte sie ihn vor der Gaststätte abgefangen. In ein vordergründig politisch motiviertes Gespräch verwickelt, das in einer wilden Knutscherei endete. Seitdem war nichts mehr wie zuvor. Las sie ihm jeden Wunsch von Augen und Lippen ab. Verwöhnte sie ihn mit allen Raffinessen, zu denen eine erfahrene, sinnliche 49Jährige fähig war. Nach zwei gescheiterten Ehen, einer unglücklichen Lehrerromanze und vielen kurzen, aber immer leidenschaftlichen Flirts, die ihrem übergroßen sexuellen Verlangen geschuldet gewesen waren.

Und heute hatte Benedikt endlich vollzogen, was sie seit langem forderte. Hatte er der aus Berlin zugezogenen Gewitterziege den Laufpass gegeben. Sie der Illusion beraubt, er befinde sich mit Kollegen auf einem Wochenendtrip irgendwo in Tirol. Jetzt heulte sie sich wahrscheinlich die braunen, rehähnlichen Augen aus, aber das war ihr egal. Auf sie hatte in der Vergangenheit auch niemand Rücksicht genommen …

Reginas Selbstmordversuch ließ nicht lange auf sich warten. Kein Wunder bei ihrer von psychischen Leiden geprägten Krankengeschichte. Ihm voraus gingen nächtliche Weinkrämpfe, die ihr den Schlaf raubten. Plötzliches Stocken der Stimme, wenn wohlmeinende Nachbarn sie auf ihren treulosen Gatten ansprachen und sie sich zu Erklärungsversuchen genötigt sah. Dann immer häufigere Flucht in Tagträume und Realitätsverweigerung.

Ihr 18jähriger Sohn fand sie zwei Wochen nach Benedikts Auszug, als er vom Tagewerk heimkehrte, in trostloser Verfassung vor. Alarmierte sofort ihren behandelnden Arzt, der sie kurzerhand in die nächstgelegene psychiatrische Klinik einwies. Wegen weiterhin bestehender Suizidgefahr, wie er zur Absicherung seiner Entscheidung vermerkte.

Fünf Tage später erwachte die zutiefst depressive Patientin aus dem künstlichen Koma, in das sie die Nervenärzte versetzt hatten. Als Schatten ihrer selbst und der schnöden Welt voraussichtlich für immer entrückt. Auch ohne die in Wodka aufgelösten Schlaftabletten, die den Sohn nach medizinischem Beistand hatten rufen lassen …

Die ersten Frühlingboten erreichten die Voralpen Anfang März. Küssten in Gestalt eines plötzlichen Föneinbruchs die Lebensgeister wach, was bei Mensch und Tier zu allerlei Gefühlswallungen führte. Benedikt Kober indes bedurfte des Hormonschubes ebenso wenig wie Brigitte, mit der er sich neuerdings ungeniert in der Öffentlichkeit zeigte. Beschwingt wie ein Teenager. Ohne Rücksicht auf seinen Ruf und das schwere Schicksal seiner Frau, die in psychiatrischer Obhut vor sich hin dämmerte. Sogar ohne Scheu vor spießbürgerlichen Ressentiments, obwohl seine kommunalpolitische Karriere und das Wohlergehen seiner Anwaltskanzlei vom guten Willen der konservativ geprägten Traunsteiner Bevölkerung abhingen. Aber das war ihm zumindest im Augenblick egal. Sollten sie über ihn tratschen, wo und wie sie wollten. Die Affäre mit der Patz hatte ihn inzwischen so selbstbewusst gemacht, dass er sich schier unangreifbar fühlte. Wie ein kleiner Gott, dem die provinzielle Enge Südbayerns eh lästig war.

Kober und seine Geliebte warteten wegen der frühlinghaften Temperaturen im Freien auf Fredi, der ein Trainingslager seines Fußballteams in Ruhpolding zu einem Kurzbesuch der Mutter nutzen wollte. Wie stolz hatte Brigitte vom berühmten Sprössling erzählt. Von seinem riesigen Talent und dem Instinkt des geborenen Torjägers, die ihn zunächst in die zweite Liga, später sogar zu seinem jetzigen Verein im Norden des Landes verschlagen hatten. Und obwohl er kurz vor dem Sprung in die Nationalmannschaft stand, war sein Charakter untadelig wie eh und je. Ganz anders als der vieler Mitspieler, denen Medienrummel und plötzlicher Reichtum den Kopf verdreht hatten.

Auch Henry, der jüngere ihrer beiden Söhne, hatte sich ordentlich entwickelt. Leitete mit seinen 24 Jahren bereits einen Lebensmittelmarkt in Rosenheim. Hatte im letzten Herbst sogar -neben der Arbeit- mit dem Fernstudium der Betriebswirtschaftslehre begonnen, was Brigitte sichtlich freute. Als Mutter, aber auch als engagierte Berufsschullehrerin.

Schade nur, dass Benedikt Kober ihrem elterlichen Stolz so wenig entgegen zu setzen hatte. Sohn Boris? Den konnte er vergessen! Ein Weichei, das im Zweifelsfall seiner Mutter beistand. Ihm die Liaison mit Brigitte immer noch übel nahm. Und Tochter Marlies? Die wusste mit ihren 24 Lenzen trotz guter Anlagen nichts mit dem Leben anzufangen. Trieb sich mal hier, mal dort herum und bettelte, wenn sie ihm schrieb, immer um Geld.

„Woran denkst du?“, fragte ihn Brigitte und Benedikt antwortete verlegen: „Im Grunde an gar nichts…“, worauf sie ihn stirnrunzelnd ansah, aber nicht nachhakte. Schließlich wollte sie nicht dieselben Fehler machen wie seine Verflossene, die ihn permanent bedrängt hatte …