Autorenhomepage von H. L. Ween

Im Abgang bitter

ist eine Sammlung hundsgemeiner Horrorgeschichten von HL Ween, die teilweise schon in anderen Zusammenhängen zu lesen waren.

E-Book von KSB-Media zum Preis von 8,49 €.

 

Leseprobe:

Martinsgans

Kennen Sie Ludendorff? Nein, nicht den unseligen Herrn vom Marsch auf die Feldherrnhalle. Ich meine das Dorf südlich von Pirmasens, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Zu Recht, wie ich finde. Achthundertdreizehn Menschen leben hier, besser vegetieren. Oder würden Sie es mit der Würde des Homo sapiens für vereinbar halten, dass die Hälfte der Einwohner in einem Schlachthof Gänsen das Lebenslicht ausbläst?

Damit Sie mich nicht falsch verstehen. Ich esse leidenschaftlich gern. Und eine Martinsgans ist für mich, richtig zubereitet, das Größte. Aber wenn sich die Gespräche in der Kantine des Mastbetriebs, den ich gegen die Unbilden der Natur versichern soll, nur noch um das Töten drehen, vergeht sogar mir der Appetit. Noch vor dem Servieren der bestellten Keule.

Sophie, die Direktionsassistentin, sitzt mit mir abseits der Normalsterblichen in einer Art Separee, sodass wir uns wenigstens halbwegs ungestört unterhalten können. Über die Konditionen der vom Betrieb gewünschten Police. Und Ihr seltsames Freizeitverhalten.

„Sie sind Veganerin?“, staune ich, und die knapp Dreißigjährige nickt mir verschwörerisch zu.

„Aber verraten Sie mich nicht“, wispert sie. „Sonst bin ich meinen Job los!“

Ich nicke verständnisvoll, habe aber noch eine Frage: „Was unternehmen Sie eigentlich, um das Massensterben in Ludendorff zu beenden?“

Sofie fasst mich an den Händen und schaut mich verführerisch an: „Ich bin eine, wie soll ich sagen, Gänsemacherin. Können Sie mir folgen?“ Ich schüttle den Kopf. Die kämpferische Tierfreundin scheint mir nicht ganz richtig zu ticken. „Sie nehmen mich nicht ernst“, schmollt Sofie. „Dabei bin ich die erfolgreichste Gänsemacherin weit und breit!“

„Gänsebratenmacherin würde ich kapieren“, meine ich einen Tick zu schnippisch. „und ein wenig heuchlerisch sind Sie auch. In einem Mastbetrieb arbeiten und gutes Geld verdienen, mit dem Versicherungsvertreter Gänsebraten verzehren, aber völligen Fleischverzicht propagieren, das ist mir zu hoch!“

Sofies Hände umfassen meinen Kopf, und irgendwie fühle ich mich ihr wehrlos ausgeliefert. Unsere Augen begegnen sich, und mit metallenem Klang kommen die nächsten Worte aus ihrem Mund: „Wie kommen Sie darauf, dass wir hier ein Gänsemastbetrieb sind? Ich würde doch nicht dazu beitragen, hochintelligente und sozial verträgliche Lebewesen zu vernichten!“

Der Druck auf meinen Kopf wird unerträglich und ich stammele nur noch: „Was machen Sie dann, verdammt noch mal?“

Sofies Gesicht nimmt harte Züge an: „Hexen. Oder besser verhexen. Wir locken Menschen wie sie hierher, die bereit sind, mit Mördern Geschäfte zu machen. Und dann ...“

„Aber ...“, versuche ich einzuwenden.

„Kein aber“, höre ich sie weit entfernt dozieren, „oder waren Sie bisher eine Gans?“

Jetzt verstehe ich sie und füge mich in mein Schicksal. Wie das liebe Federvieh sehe ich eh schon aus, und Sofies Hände umklammern jetzt meinen Hals. Drehen ihn gekonnt um und vergrößern Ihre Chancen ungemein, mich demnächst auf der Speisekarte im Lieblingsrestaurant zu finden ...