Autorenhomepage von H. L. Ween

Sleepless Death

1.

Die Dunkelheit bringt mich noch um den Verstand. Diese elende Finsternis, die mich umgibt, in mich reinkriecht und ausfüllt. Aber was tun, damit Sie da oben, liebe Leserinnen und Leser, meine Lage angemessen würdigen können? Gar erahnen, welches Drama sich auf halbem Wege zwischen dem Friedhofseingang und dem Übergang zur Sportanlage an der Dorfkirche abspielt? Ja, Sie da meine ich. Gucken Sie nicht grad auf den hellbraunen Grabstein? Georg Schmitz steht drauf. Das bin ich. Und fallen Sie nicht gleich um, Zombies sind Ihnen doch bestimmt ein Begriff!

Ich hadere wieder mal mit dem Schicksal und weiß doch, dass kein Gefühlsausbruch, kein Wutanfall, kein Jammern und kein Weinkrampf mir weiterhelfen. Diese Regungen einer verletzten Seele sind mir längst abhandengekommen. Geblieben ist nur die Ohnmacht, dem eigenen Verfall zusehen zu müssen. Stunde für Stunde, Tag für Tag. Für immer und ewig. Dabei gleichzeitig und permanent hochgradig erregt, wie es überwachen Wesen wie mir zu Eigen ist.

Ein hartnäckiger Wurm wühlt sich durch meine Schädelhöhle. Frisst sich durch das eklige Gemisch aus gegorenen Körpersäften, versickerten Regentropfen und aufsteigendem Grundwasser. Er schmatzt dabei, dass es eine Pracht ist. „Dinner For One“ im Untergrund. Das ultimative „Große Fressen“. Leider ohne Andrea Ferrol mit dem saftigen Hintern in der Torte. Und ohne Michel Piccoli, wie er laut furzend die Wand entlang rutscht. Seinem eigenen Kot und Tod entgegen ...

Ich schüttele mich, bis meine Knochen zu splittern anfangen und der Schmerz mich, unhörbar für andere, aufschreien lässt. Fünfundzwanzig Jahre ist es schon her, dass mein Elend begann. An den Tagen um den 9. November 1989 ...

2.

Das feiste Gesicht füllte den Bildschirm fast vollständig aus. Die mit lila Äderchen überzogenen Hamsterwangen zeigten Nachwirkungen  alkoholseliger Politbürorunden, die geröteten Augen das Schlafdefizit nach den Wirren der letzten Monate. Die Fernsehkamera schwenkte langsam zu einem vielleicht aus Südeuropa stammenden Journalisten.

„Wann ist mit der Öffnung der Grenzen für Bürger der DDR zu rechnen?“, wollte der Mann wissen.

SED-Bonze Schabowski schnappte vor Aufregung nach Luft. Schien den Fragesteller nicht verstehen zu wollen. Stammelte unverständliches Zeug und suchte fahrig nach einem bestimmten Zettel, den er schließlich auch fand. Der Chefredakteur des „ND“ rückte seine Brille zurecht und las laut vor, was auf dem Papier geschrieben stand. Ich hörte Worte wie „Ausreise“ und „sofort“. Fragte mich, ob ich wach war oder träumte und verschluckte mich fast am großen Bissen Schweinebauch in meinem Mund.

Der Osten wollte seine Leute rauslassen! Freiwillig! Ohne Bedingungen! Unglaublich! Und wo würden sie rüberkommen? Etwa über die Kontrollstelle in der nahen Bornholmer Straße? Und würden sie mir am Ende die Arbeit wegnehmen? Ich spürte Verlustängste und mir wurde hundeelend zumute. So wie immer in den letzten Wochen, wenn mich irgendwas aufregte. Galle kroch meine Speiseröhre hoch und signalisierte mir, dass es Zeit für den Sprint zur Toilette war. Kotzen würde ich auf jeden Fall, aber ich hatte keine Lust, schon wieder den Fußboden aufzuwischen.

Wenig später umfasste ich mit beiden Armen die Kloschüssel. Ich steckte meinen Kopf so tief hinein, wie es ging, und keine Sekunde später kam der erste Schwall von Erbrochenem aus meinem Mund heraus. Danach hatte ich drei Sekunden Zeit zum Luftholen, ehe der Rest des Mageninhalts aus meinem Mund schoss und ich mich einer Ohnmacht nahe fühlte. Dann löste ich die Umarmung des Toilettenbeckens, legte mich der Länge nach auf den Fußboden und zitterte am ganzen Leib. Nahm meine Umwelt nur noch schemenhaft wahr und wollte lieber sterben, als mich weiter so zu quälen.

Eines war klar – ich musste endlich wegen dieser beunruhigenden; immer wiederkehrenden Übelkeit zu einem Arzt, obwohl ich die Weißkittel wie die Pest hasste.

Später wachte ich auf, als lautes Hupen von der Straße hereindrang. Dieses Geräusch kannte ich von Besuchen in Ostberlin. So klang nur die Hupe der stinkenden Zweitakter, die sie in der DDR als Trabants unters Volk brachten. Aber wieso fuhren die jetzt hier herum und sonderten ihren unverkennbaren Geruch ab? Ich wohnte doch in Westberlin, im an den Osten grenzenden Stadtbezirk Wedding!

Ich sprang hoch, stolperte dem Licht der Straßenlaterne entgegen, die mein Schlafzimmer nachts immer erhellte. Öffnete das Fenster, reckte meinen Hals hinaus und erstarrte. Tausende West- und Ostberliner tanzten freudetrunken auf den Gehwegen und zwischen den vielen im Stau steckenden Fahrzeugen. Und das in der Jülicher Straße, in die sich sonst keiner verirrte, der hier nicht lebte.

Ich zog mich hastig an. Polterte mit halboffenem Hosenschlitz die Treppe runter. Fiel fast über ein ungeniert im Hausflur vögelndes Pärchen und stürmte ins Freie. Sekunden später war ich nur noch winziger Teil einer aufgeputschten Menge. Aus den Häusern der Jülicher Straße schienen fast alle Bewohner dabei zu sein, aber die meisten der tanzenden, hopsenden, singenden Menschen schienen hier so fremd, als stammten sie aus einem fernen Planetensystem.

Bevor die Platzangst mir wie so oft zusetzen konnte, wenn ich mich allein unter vielen Menschen befand,  stand zu meinem Glück ein bildhübsches Mädchen vor mir. Mit weit aufgerissenen Augen und erkennbar vom Alkohol benebelt. Ohne zu zögern, fiel es mir um den Hals und küsste mich völlig enthemmt ab. Raubte mir mit seiner Liebesattacke erst den Atem und dann den Verstand. Ich spürte, wie mein angeschwollenes Glied sich den Weg in die Freiheit suchte, eine zarte Hand es liebevoll umfasste und mein Herz zu rasen begann. Wie im Fieberwahn drang ich in die etwas breitbeinig dastehende Unbekannte ein und gab mich so nie erlebter Lust hin, bis ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte.

Zuerst rutschte ich wie in Zeitlupe mit dem Rücken an der Hauswand nach unten. Ich bekam gerade noch so mit, wie dem Mädchen mein kleiner Prinz entglitt, dann schwanden mir allmählich die Sinne. Den Aufprall auf dem Kopfsteinpflaster bekam ich schon nicht mehr mit.

3.

So wie ich das künstliche Lächeln der jungen Frau im Schwesternkittel interpretierte, hatte ich nicht die geringste Überlebenschance. Ich versuchte, die während der Krankenhausvisite zu mir dringenden Gesprächsfetzen durch Hinzufügen passender Begriffe zu vervollständigen, aber das machte die Sache nicht besser. Die Ärzte waren sich offenbar einig, dass meine Haut bestenfalls noch als finnische Landkarte taugte. Blaue Flecken entsprachen den Seen, grüne den Wäldern und rote den durchweg sympathischen Ortschaften mit den ziegelgedeckten Häusern.

Unter der Haut ging es noch chaotischer zu. Sechs gebrochene Rippen, Blutungen in der Lunge und ein Riss im Darm waren zurückgeblieben, nachdem die total euphorisierte und nicht nur von der Freiheit besoffene Menge auf mir herumgetrampelt war. Hinzu kamen eine Unterkieferfraktur und der offene Bruch des linken Schienbeines. Die größten Sorgen bereitete den Ärzten indes meine Auszehrung, die mich aussehen ließ wie einen Aidspatienten im letzten Stadium.

Inzwischen begafften mich vom Fußende meines Bettes der Chefarzt, der oberbayerische Stationsarzt, mehrere beflissen um den Professor herumwuselnde Assistenzärzte und zwei Schwestern.

„So, Schmitz." Professor Sybel hatte sich von seinen Mitstreitern gelöst, saß jetzt links neben mir auf der Bettkante und sah mich ernst an. „Wir werden Sie eine Weile hier behalten müssen. Genauer gesagt, bis wir Sie wieder einigermaßen zusammengeflickt haben. Sie sehen ja aus, als wäre ein Panzer über sie hinweggerollt. Wusste gar nicht, dass auch die NVA Richtung Westen vorgerückt ist. Nun ja, Spaß muss sein. Wir bekommen Sie schon wieder hin."

Im Tross nickten alle wie auf Kommando und der fast glatzköpfige Chefarzt senkte seine ohnehin tiefe Stimme:

„Wir haben noch ein anderes kleines Problem, Herr Schmitz. Sie sind doch Herr Schmitz, nicht wahr?"

Ich wollte etwas halbwegs Sinnvolles antworten, brachte aber kein Wort über die Lippen und bejahte die Frage deshalb mit einem Augenaufschlag. Zugleich fragte ich mich, woher der Mann meinen Namen kannte. Hatte ich wider jede Gewohnheit meine Papiere mit auf die Straße genommen? Gefragt hatte mich jedenfalls niemand im damaligen Virchow-Klinikum am Augustenburger Platz.

„Also, Schmitz, eins muss ich Ihnen aber noch sagen: für einen ansonsten gesunden Mann Ihres Alters sind Sie entschieden zu dünn. Richtiggehend abgemagert. Zuerst dachten wir an HIV, aber das haben wir bereits ausgeschlossen, da kann ich Sie beruhigen. Aber für mich steht so gut wie fest, dass ein noch unbekannter Erreger in Ihnen drin steckt. Eine Art Parasit. Und den werden wir identifizieren, so wahr mir Gott und die Labortechnik helfen. Und ich wiederhole mich gern: Bevor wir nicht wissen, welches Biest Sie unfreiwillig bewirten, lassen wir Sie nicht raus!“

4.

Schwere Schritte erschüttern den von Baumwurzeln durchzogenen Boden und lassen sogar die Särge weiter unten im Erdreich vibrieren. Die aus Buche erbeben stärker als die aus Eiche. Den Verstorbenen ist es egal, weil ihre Seelen längst das Weite gesucht haben. Sie leben jetzt in den Himmeln ihrer Religionen und Weltanschauungen. Und wenn sie auf Erden zu den Masochisten gehört haben, vielleicht in einer Hölle, die ihren Bedürfnissen entgegenkommt. Man weiß ja nie.

Die Erschütterungen haben etwas mit dem Neuzugang zu tun. Ein alter Krieger hat mit vierundneunzig das Zeitliche gesegnet. Viel später als die von ihm im Kampf Getöteten. Ich stelle mir vor, wie die alten Kameraden trotzig über den inzwischen herbstlichen Friedhof marschieren und dabei unfreiwillig durchs Laub schlurfen, weil sie die lahmen Füße nicht mehr richtig hochkriegen. Und die Fahne flattert ihnen voran. Zumindest symbolisch. Im Geiste tragen sie Uniformen der Waffen-SS, die sich neuerdings als Hort des Friedens sieht. Fürs Töten sind jetzt Jüngere zuständig.

Wehmut erfasst mich, als trotz oder wegen des martialischen Gepräges da oben Erinnerungen an das von mir Fee genannte Mädchen aus der Maueröffnungsnacht hochkommen. So unverhofft, wie sie mir damals über den Weg gelaufen ist, hat sie sich danach in Luft aufgelöst - um Tage später erneut wie aus dem Nichts in mein Leben zu treten.

Vor Erregung bewege ich mich im Takt des Marsches und in dem des Wurms, der sich in meinem Kopf häuslich einzurichten scheint.

5.

Die Fee! Sabine!

Fünf Tage lag ich damals schon in der Virchow-Klinik. Vollgepumpt mit Schmerzmitteln, die das Leben etwas erträglicher werden ließen. Fünf Tage, in denen die Gesichter der Mediziner immer besorgter dreinschauten. Auch wenn der Professor versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Zur geheimnisvollen Krankheit, die mich vernichten wollte. „Morbus Whipple", dozierte der Chefarzt schließlich auf einer Morgenvisite, „stellt uns alle vor neue Herausforderungen; sowohl die Ärzte als auch die Kranken.“ Dann wandte er sich an mich: „Wir werden alle möglichen Medikamente an Ihnen ausprobieren müssen, allein oder in Kombination mit anderen Präparaten, bis wir Sie richtig eingestellt haben. Aber irgendwann werden wir dem kleinen Nager in Ihrem Dünndarm den Garaus machen!"

Stunden später trat Belle de Nuit zu mir ans Bett. Das Mädchen aus der Nacht, als die Mauer fiel und ich in den Staub der Jülicher Straße. Die Fee hatte sich für mich rausgeputzt. Das mädchenhafte Gesicht war dezent geschminkt.

Und soweit ich das beurteilen konnte, trug sie die hübschesten Sachen, die sie im Kleiderschrank gefunden hatte. Ich erkannte sie zunächst kaum wieder, verwechselte sie, obwohl die Ostberlinerin ihr nicht ähnelte, mit meiner geschiedenen Ehefrau Eva. Jenem Biest, das mit neuem Partner und unserem gemeinsamen Sohn Mark im niedersächsischen Stade lebte.

Als bei mir endlich der Groschen fiel, streckte ich ihr meine bandagierten Arme entgegen und spürte, wie neues Leben meinen Prinzen erfüllte. Sie war wieder da, meine Königin der unvergesslichen Minuten, die ich in ihrem Innersten verbracht hatte. Dieses Wesen war nur für mich allein als Engel vom Himmel runtergeschwebt. Und weil es so vorgesehen war, hatte es mich in den Bann gezogen wie keine Frau zuvor.

Eigentlich hieß der Engel Sabine. Und dazu Müller. Aber wen interessierte ihr schnöder Allerweltname? Meine Hormone tanzten abwechselnd Samba und Polka, Blues und Wiener Walzer und ich hatte nur noch Augen für sie. Sabine war meine Fee, ihr Schoß der Tabernakel meiner Lust, ungeachtet der fast zwanzig Jahre Altersunterschied. Und wenn die Worte „jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“ von Willy Brandt je ihre Berechtigung gehabt hatten, dann im nicht enden wollenden Liebesrausch mit ihr.

Als der diensthabende Arzt das Krankenzimmer betrat und das Mädchen auf meiner Bettkante erblickte, dachte er zunächst, meine Tochter vor sich zu haben. Er korrigierte seine Ansicht aber rasch, als er sah, wie zärtlich wir einander begegneten.

6.

Ich war erst zwei Tage zuvor aus der Klinik entlassen worden und musste noch einmal dorthin zurück, um das Metall in meinem Körper loszuwerden. Die Verletzungen schmerzten immer noch, aber das war mir in diesem Augenblick egal.

Die Fee prostete mir gerade ausgelassen zu. Ihre Augen funkelten, als sie den Plastikbecher mit Schaumwein leerte und dem Silvesterfeuerwerk zuschaute. Sie kam aus dem Staunen nicht heraus und meinte immer wieder nur: „Ist das schön! Alles leuchtet!“

Wir saßen auf einer morschen Holzbank auf der Mittelpromenade der Straße Unter den Linden.

In der Tat war der Himmel über Berlin in den ersten Minuten des Jahres Neunzehnhundertneunzig taghell erleuchtet wie vorher nur von den Lichtdomen der Nazis. Und als ich die Zeit für gekommen hielt, Sabine in die weihevolle Stimmung hinein den Verlobungsring überzustreifen, nässte sie, wie sie hinterher zugab, vor Aufregung fast ein.

Die Menschen um uns herum feierten fast so ausgelassen wie in der Novembernacht, als die Fee und ich spontan zueinander gefunden hatten. Damals konnte man das Wort ‚glückstrunken‘ wörtlich nehmen: Es herrschte eine besoffene Glückseligkeit, die aber nur allzu bald der Ernüchterung Platz machen sollte. Die Realität nahm nicht nur alle Illusionen, sondern war grausamer, als es sich die meisten vorstellen konnten: Der dramatische Zerfall der Planwirtschaft und die ungenierten Beutezüge westdeutscher Hasardeure. Die Abwicklungsstrategie großer westlicher Konzerne und die Brutalität, mit der die Treuhandanstalt deren Interessen durchsetzte.

Doch daran dachte in dieser Silvesternacht noch niemand. Damals begeisterten sich Hunderttausende an der nationalen Wiedergeburt und manche sahen schon das einige Vaterland heraufziehen. Irgendwann stemmte sich einer dem Zeitgeist entgegen und stimmte die Internationale an, gab aber wenig später auf, weil die Leute ihn ignorierten.

Ich kitzelte mit meinem leicht ergrauten Schnauzbart Wangen und Stirn der Fee. Rückte noch näher an meinen Schatz heran und begann, über unsere gemeinsame Zukunft zu sprechen. Eine Zukunft ohne Morbus Whipple, dafür aber mit vielen fröhlichen Kindern:

„Weeßte, Fee, det ick ma imma 'n Sack voll Jören jewünscht hab? Möglichst ville Töchta? Und watt hab ick mit meenen vierzich Jah'n? 'N Sohn, den ick nich sehn kann, weila weit wech wohnt. Und jetzt kommst du herjeflattat. Einfach so. Schmust mich an wie 'ne Katze. Jehst ma um 'n Bart. Machst ma spitz wie Nachbas Lumpi. Irre. Einfach irre. Und der Scheiß Wippel is ooch fast wech. Muss nich ma mehr kotzen. Wieg schon wieda siebzich Kilo. Und in eenem Monat kann ick wieda abeeten, sacht der Dokta. Muss bloß noch ditt Wetta nach sein, keen Frost und so."

Ich schnaufte ein wenig, weil langes Reden mich immer schon aus der Puste gebracht hatte, aber dafür war ich ein Mann der Tat.

„Donnawetta“, meinte Sabine nur, als ihre linke Hand über meinen Schoß strich und dabei auf harten Widerstand stieß. „Und wenn wa heiraten, fahn wa drei Wochen in die Flittawochen. Venedich oder so. Wollte ick imma schon hin. Und dann kannst ma soja inne Jondel vernaschen, du süßa Bär, du ..."

Sabine küsste mich erst zart und dann heftig auf den Mund. Drang mit ihrer Zunge ein und erregte mich so sehr, dass ich die Welt um mich vergaß.

Erst ein erstaunlich verständnisvoller Volkspolizist ließ mich wieder zur Besinnung kommen, als er sich vor uns aufstellte, ironisch Beifall klatschte und dann darum bat, das Liebesspiel in der Öffentlichkeit nicht zu übertreiben.

7.

Vier Stunden später lag ich nackt auf meinem Bett. Hellwach, während neben mir Sabine den Schlaf der Gerechten schlief. Kein Wunder, nachdem ich sie trotz des vielen Alkohols im Blut dreimal zum Höhepunkt gebracht hatte. Aber warum konnte ich nicht einschlafen? Lag es an meiner Euphorie? An der prickelnden Wirkung des Sekts aus dem Hause Rotkäppchen? Oder am Mond, der fast ebenso hell schien wie die Straßenlaterne vor dem Fenster?

Ich versuchte es jetzt mit allen mir bekannten Tricks. Zählte zunächst Schäfchen. Ließ die über immer größere Zäune hopsen. Zählte von eins bis hundert und zurück. Immer und immer wieder. Nahm mir fest vor, nicht einzuschlafen, weil das in der Vergangenheit stets das Gegenteil bewirkt hatte. Umsonst. Die Glocke der nahen Sankt Petruskirche schlug sechsmal. Dumpf und hohl. Als wollte sie mir sagen: „Alle Mühe ist vergebens, du Narr. Du wirst heute nicht mehr einschlafen, dafür wach liegen weit über das Morgengrauen hinaus. Wirst auch in der nächsten Nacht nicht schlafen. Und wenn doch, nur ein halbes Stündchen ..."

Hätte ich gewusst, was auf mich zukommen würde, wäre mir vielleicht die Lösung meines Problems eingefallen. Hätte ich mich schlimmstenfalls bei lebendigem Leibe verbrannt. Und das sofort. Leider ahnte ich nicht mal, was sich in meinem Kopf zusammenbraute und heimtückisch immer mehr Macht über mich gewann.

8.

Das krächzend vorgetragene „Ich hatte einen Kameraden" weht melancholisch durch die herbstlich kühle Friedhofsluft. Der alte Krieger versinkt endlich im Orkus. Im kunstvoll verzierten, Blumengeschmückten Sarg, der in fast zwei Meter Tiefe hart aufsetzt. Endlich kann es sich der neue Nachbar bequem machen. Für fünfundzwanzig Jahre. Solange läuft das teuer erkaufte Nutzungsrecht an seiner Grabstelle. Aber was ist schon umsonst? Der Tod ganz bestimmt nicht. Ökonomisch betrachtet, ist das Sterben sogar ein Segen für jede Volkswirtschaft. Krisensicher, Konjunkturunabhängig. Und wenn jemand wie im Zweiten Weltkrieg nachhilft – umso besser ...

Der Neue nebenan erinnert mich irgendwie an den Polier Krausnick. Jenes fiese Schwein, das mir seinerzeit das Leben zusätzlich zur Hölle gemacht hat ...

9.

Der Neubaublock im Ortsteil Wilhelmsruh nahm langsam Gestalt an. Im ersten der insgesamt vier Bauabschnitte ragten schon zwei der fünf vorgesehenen Geschosse in die Höhe, während an anderer Stelle noch immer die Baugrube verfüllt wurde.

Ich hatte nach zwischenzeitlicher Besserung wieder mal heftige Schlafprobleme - die akute Dauerwachphase dauerte nun schon fünf Wochen an und machte mir vor allem wegen der hochsommerlichen Temperaturen zu schaffen. Heute fühlte ich mich noch schlapper als zuletzt. Kein Wunder bei dreißig Grad im Schatten und  noch größerer Hitze in der Baugrube, in der ich Beton goss.

Krausnick musste sich heimlich, Schritt für Schritt angeschlichen haben, denn ich hatte ihn nicht bemerkt. Aber als er die Gelegenheit sah, mich von den Beinen zu holen, nutzte er sie.

Ich spürte den Stoß, stolperte über ein Kabel, fiel nach einer halben Pirouette nach hinten und landete hart auf dem Rücken. Der Schleifer, wie ihn alle nannten, beugte sich scheinbar mitfühlend zu mir runter, schrie aber plötzlich los:

„Du verdammtes Arschloch! Du stinkst ja wieder meilenweit gegen den Wind! Hast du dich wieder mal gestern Abend volllaufen lassen? Kommst dann besoffen zur Arbeit und bist so blau, dass dich jeder Windhauch umschmeißt. Kein Wunder, dass du dauernd umfliegst! Sabotierst den Bau, du Kröte! Aber nun ist Schluss mit lustig. Du bist gefeuert!"

Ich begriff trotz höllischer Schmerzen, was für ein mieses Spiel er da abzog. Dieser Mistkerl mobbte mich und nahm sogar billigend in Kauf, dass ich mir die Knochen brach. Aber ich kannte das schon, schließlich war es die dritte Kündigung seit Beginn der schlaflosen Nächte und der mit ihnen einhergehenden Leistungsdefizite. Die Reaktionen der Arbeitsagentur, die damals noch Arbeitsamt hieß und mich für einen Simulanten hielt, würden entsprechend ausfallen.

Wenigstens hielt meine Fee weiter zu mir. Trotz meiner Unlust im Bett und des Jähzorns, unter dem neuerdings Freund und Feind litten.

Ich erhob mich, griff benommen, aber dennoch entschlossen nach einem Brett und schlug mit diesem zu. Einmal, zweimal, dreimal. Mit blutüberströmtem Gesicht sackte der Polier schließlich in die Knie und kippte dann auf die Seite. Ehe er das Bewusstsein verlor, formten seine Lippen das Wort „Warum?“

Zum Glück hatte niemand den Vorfall beobachtet. Krausnick kam lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus und ich behauptete gegenüber dem Bauleiter, der Polier habe das Gleichgewicht verloren und sei unglücklich gestürzt.

Erst drei Tage später begann mich mein Gewissen zu plagen und ich zeigte mich schließlich reumütig selbst bei der Polizei an. Verbrachte daraufhin einen Tag in deren Gewahrsam und wurde dann mit der Auflage wieder entlassen, mich bis zum Beginn eines Strafprozesses wöchentlich bei den Ordnungshütern zu melden.

Zurück in meiner Wohnung, fragte ich mich voller Bitternis, warum ich mich auf mein Zuhause so gefreut hatte. Auf der Kommode im Flur lag Sabines Abschiedsbrief, von Tränen durchnässt:

„Lieber Georg, wenn du diese Zeilen liest, habe ich meine Sachen gepackt und bin von dir weggegangen. Ich kann es nicht ertragen, mit einem Mörder zusammenzuleben. Einem Wahnsinnigen, wie ich heute in der Zeitung gelesen habe.

Du weißt, dass ich dich lieb habe. Obwohl deine Hand immer wieder ausgerutscht ist. Ich habe sogar meine Eltern belogen, wenn sie mich nach der Herkunft der blauen Flecken im Gesicht fragten. War fast noch stolz auf die Male an meinem Körper, die ich deinen Fäusten verdankte. Aber jetzt kann ich die feixenden Gesichter der Leute hier in der Straße nicht mehr ertragen. Die schauen mich so komisch an und halten mich auch schon für verrückt.

Deshalb verschwinde ich aus deinem Leben. Und versuche bitte nicht, mir nachzustellen. Rufe nirgends an. Du erreichst mich doch nicht, weil ich für einige Zeit von der Bildfläche verschwinde. Schon, um nicht schwach zu werden, wenn du mich zur Rückkehr drängst.

Mein großer Bär, du musst mir eines glauben: Es wird nie einen anderen Mann geben, das verspreche ich dir. Und vielleicht führt uns das Schicksal nochmals zusammen, wenn du nicht mehr so krank bist wie jetzt. Lass dich bitte, bitte von deinem Professor behandeln. Ich denke, er ist außer mir der Einzige, der dich wirklich versteht!

Deine völlig verzweifelte Fee."

10.

Die Monate bis zum Prozessbeginn gerieten für mich zur Hölle. Tagsüber saß ich, Trübsal blasend, auf der abgewetzten Couch im Wohnzimmer. Trauerte meiner Geliebten nach, die zu ihren Eltern zurückgezogen war und starrte die Wand an. Schaffte es nur mit Mühe, die wichtigsten Dinge des täglichen Daseins zu verrichten. Essen. Trinken. Pinkeln. Das große Geschäft. Einkaufen, um das Nötigste zu besorgen. Geld abheben. Das bisschen Geld, das mir vom Arbeitsamt zugebilligt wurde.

In den langen Nächten verließ ich hin und wieder das Wohnzimmer und tigerte durch die Wohnung. Warf mich im Schlafzimmer aufs Bett und trommelte verzweifelt auf der Matratze herum. Sprang dann wieder hoch und kehrte zur Couch zurück.

Am Montag der zweiten Oktoberwoche meldete ich mich nicht, wie verlangt, auf der Polizeidienststelle und erhielt prompt Besuch von einem älteren Kommissar. Der sah mich, nachdem er sich gewaltsam Zutritt verschafft hatte, mit offenen Augen, aber ohnmächtig auf dem Küchenfußboden liegen. Bis auf die Knochen abgemagert lag ich in meinen bestialisch stinkenden Ausscheidungen. 

Die Ärzte im Virchow-Klinikum pumpten mir den Magen aus, obwohl der sowieso leer war. Entgifteten mich danach, kamen aber zunächst nicht hinter das Geheimnis meiner nicht mehr zu schließenden Augen und der halbstarren Pupillen, die mir ein gespenstisches Aussehen verliehen. Die Mediziner stellten lediglich fest, dass ich versucht hatte, mir mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Genau genommen mit dem Inhalt einer Hunderterpackung, die mir der Hausarzt gegen die Schlaflosigkeit verschrieben hatte, aufgelöst in einem Wodka-Cola-Gemisch. Dieses Experiment hätte wohl bei jedem anderen Menschen unweigerlich zum Tode geführt; ich dagegen befand mich zwar in einem gotterbärmlichen Zustand, aber keinesfalls in akuter Lebensgefahr.

Nach einer Woche wurde Chefarzt Dr. Sybel, der sich wieder um „seinen" Morbus Whipple kümmerte, jedoch klar, welches Krankheitsbild er vor sich hatte: Einige der beim ersten Klinikaufenthalt mit Antibiotika bekämpften Erreger hatten damals überlebt und waren über das Blutgefäßsystem ins Hirn gewandert. Hatten sich im Kopf eingenistet und das für den Schlaf zuständige Zentrum weitgehend blockiert, worauf es zur tragischen Entwicklung der vergangenen Jahre und Monate gekommen war.

Erneut testeten die Ärzte alle denkbaren Präparate, die dem Morbus Whipple den Garaus machen sollten und wurden zur eigenen Überraschung schließlich fündig, so dass meiner Heilung eigentlich nichts mehr im Wege stand. Wie auch meinem Strafprozess vor dem Landgericht Berlin, der mit einiger Verspätung im Februar Neunzehnhundertfünfundneunzig begann ...

11.

Der zackig auftretende Staatsanwalt verlas mit unangenehm hoher Fistelstimme die Anklageschrift. Ich hasste den Kerl schon, wenn ich ihn sah mit seinem Kurzhaarschnitt. Erst recht aber, wenn ich seine Stimme hörte. Er klang ungelogen wie eine schlechte Kopie von Roland Freisler. Ich stellte mir immer wieder vor, um fünfzig Jahre zurückversetzt, im Volksgerichtshof auf der Anklagebank zu sitzen. Wegen Mordes, Subversion und Vaterlandsverrats. Also als sicherer Kandidat für Fallbeil oder Strick ...

Der Anklagevertreter ließ keinen Zweifel an meiner Schuld. Jedenfalls kam es mir so vor. Ich war viel zu übermüdet, um mich konzentrieren zu können. So bekam ich ohnehin kaum einen zusammenhängenden Satz mit. Nur immer wieder Wortfetzen, die mich wie kleine Nadelstiche reizten. 

Sollte der Ankläger doch seinen Quatsch loswerden. Mir waren juristische Fachbegriffe ebenso gleichgültig wie die Vermutungen des bösartigen Zwerges zum Ablauf des Dramas in der Wilhelmsruher Baugrube. Solange ich nächtelang ruhelos umher irrte und kein Auge zubekam, war mir so ziemlich alles egal. Mit dem Verständnis der drei Berufsrichter und der beiden ihnen beigeordneten Schöffen rechnete ich ohnehin nicht. Die sahen in mir nur einen zornigen Mann, der Gott und die Welt tyrannisierte und den man wegschließen musste, ehe er noch mehr Unheil anrichtete.

Dann wich der Staatsanwalt ohne Not vom vorbereiteten Text ab und ich kam doch noch zu meinem obligatorischen Wutanfall. Der Giftzwerg sprach höhnisch von krimineller Energie eines Totschlägers und ich reagierte, wie ein echter Mann es in vergleichbarer Situation immer tun sollte. Ich erhob mich, sprang trotz gefesselter Hände und miserabler körperlicher Verfassung blitzschnell über die Balustrade vor mir und rammte nach kurzem Anlauf dem Anklagevertreter meinen Kopf in den Unterleib. Der Staatsanwalt sackte nach einer Schrecksekunde lautlos zusammen. Ich hoffte, dass er wenigstens noch meinen ersten Fußtritt spürte, bevor er sich feige in die Bewusstlosigkeit verabschiedete.

12.

Der Psychiater Dr. Knebel galt als Experte für jede nur denkbare seelische Deformation. Kein Wunder bei seinem Job im Haftkrankenhaus, den er seit zweiundzwanzig Jahren verrichtete. Der Fall des Massenmörders, der sich beharrlich geweigert hatte, aus dem selbstgewählten Babyverhalten in die Erwachsenenwelt zurückzukehren, hatte breit in den Zeitungen gestanden. Er hatte interessante Interviews gegeben über Vergewaltiger, die mental in die Rolle ihrer Opfer geschlüpft waren und unbedingt deren Sachen tragen wollten. Er stellte in Talkshows Paranoiker, Schizophrene und Psychopathen vor. Einen Fall wie meinen kannte er noch nicht.

Vorgestern hatten sie mich, an Händen und Füßen gefesselt und mit einer Gesichtsmaske a la Hannibal Lecter versehen, auf Knebels Station gebracht.

Sie behandelten mich wie einen tollwütigen Hund, den sie am liebsten erschossen hätten.

Seitdem starrte ich den Mediziner durch die Plexiglasmaske an. Regungslos. Es sei denn, mein Oberkörper wippte bisweilen hin und her und ich summte dazu die Melodie von „Strangers in the Night“.

Als ich dann zu sprechen begann, fuhr er zusammen. Wahrscheinlich hatte er nicht mit dieser stockheiseren Stimme gerechnet, die sagte:

„Wissen se, Dokta, ick bin janz andas. Keen Schläja. Kann eijentlich keena Flieje watt zuleide tun."

Ich schwitzte wie nach einer großen körperlichen Anstrengung und verfiel in tiefes Schweigen, ehe ich nach zehn Minuten wieder lossprudelte: „Ick bin schnell jeschafft und andauernd erregt. Scheiße, ick bin am Ende, Dokta. Weeß nich weita. Bin janz kaputt. Sie müssn ma helfn."

Jetzt gab es kein Halten mehr für mich. Mein Redefluss schwoll weiter an und Dr. Knebel kam kaum noch mit seinen Notizen nach.

Als meine Stimme schließlich versiegte und ich wieder in Apathie versank, verließ er in Laufschritt den Krankensaal. Womöglich, um seinen Kollegen von mir zu berichten.

13.

In den folgenden Tagen gab es einen regelrechten Hype um mich, von dem ich anfangs wenig, dann aber umso mehr mitbekam. Die Medien der Hauptstadt überschlugen sich mit Superlativen zur medizinischen Sensation und im Haftkrankenhaus standen Experten aus nah und fern Schlange, um mich aus sicherer Entfernung anzuschauen. Vor allem Schlafforscher und Psychiater, aber auch Vertreter anderer Fachrichtungen. Schließlich war kein anderer Fall von fünfjähriger Schlaflosigkeit verbürgt.

Ich verstand die ganze Aufregung um mich zwar nicht, freute mich aber über die Aufmerksamkeit, die ich plötzlich erhielt. Deshalb gab ich mich trotz Fesselung und der unangenehmen Maske kooperativer als gewohnt. Wohl in der Annahme, dass sich ein Prominenter wie ich anders verhalten müsse als Krethi und Plethi. Folglich mühte ich mich, alle Fragen der Weißkittel vernünftig zu beantworten. Nach einer Woche lichtete sich das Feld der fachlich interessierten Besucher und die Aufseher ließen erste Journalisten ans Krankenbett, die bisher nur vom Hörensagen berichtet hatten. Die Reporter wollten von mir jede Kleinigkeit aus meinem Leben wissen. Vom ersten Bettnässen über die Eheprobleme mit Eva bis hin zu den jüngsten Eskapaden. Sie verhielten sich im Übrigen, als stünde ihnen das Hausrecht zu. Und erst nach einer Intervention des Justizsenators kehrte wieder ein wenig mehr Ordnung in das Gefängnisspital ein.

14.

Am siebzehnten Januar Neunzehnhundertsechsundneunzig verließ ich die Haftanstalt Moabit vorzeitig als freier Mann.

„Aber nur auf Bewährung!“, hatte zuvor der Richter gemahnt. Seinen Worten war nicht anzumerken gewesen, ob er sich angesichts meines angeblichen Gewaltpotenzials unwohl fühlte.

Immerhin schien meiner unerklärlichen Aggressivität die Spitze genommen zu sein. Zwar würde ich voraussichtlich weiter damit leben müssen, keinen Schlaf zu finden. Doch ich nahm jetzt Medikamente ein, die mir womöglich halfen, fortan ein straffreies Leben zu führen.

Ich atmete die klare Winterluft ein, bückte mich, griff in einen Schneehaufen und rieb mir das Gesicht mit dem kalten Nass ein. Freute mich dabei wie ein kleiner Junge und hüpfte dann den Gehweg entlang. Freiheit! Keine Vorschriften mehr! Alles tun und lassen können!

Dann erinnerte ich mich an das obligatorische Tagesprogramm und kehrte in die Welt der Erwachsenen zurück. Erstes Ziel war das Büro des Bewährungshelfers Rotloff in der Schöneberger Kleiststraße. Von dem Mann erhoffte ich mir einiges. Nicht nur die Vermittlung eines Jobs, sondern auch die einer geeigneten Unterkunft. Dazu Hausrat, Kleidung und das, was ich sonst noch nach monatelanger Haft und dem Verlust aller Habseligkeiten benötigte.

Aber jetzt ging es mit neuen Kräften voran. Ich fühlte mich dank des Präparates, das mir der Gefängnisapotheker mitgegeben hatte, halbwegs fit. Und vielleicht würde sich der Schrecken durchwachter Nächte demnächst im Rahmen halten, wenn mein Leben endlich wieder in geregelten Bahnen verlief.

15.

Ich nicke für einen Moment ein. Nur für wenige Sekunden, die aber reichen, mich hochschrecken zu lassen. Mit der Folge, dass ich mir den Schädel am Sargdeckel stoße. Verflucht und zugenäht! Warum überlässt mich der Allmächtige - oder wer auch immer für den ganzen Mist verantwortlich ist - nicht dem Vergessen? Dem Frieden der Seelen, die das irdische Jammertal verlassen haben? Aber nein, mit mir hat der gestrenge Gott offenbar ein besonderes Hühnchen zu rupfen. Er lässt mich ja nicht einmal in der Erholungsphase bis zur nächsten Wiedergeburt in Ruhe.

Was mag da beim nächsten Mal für eine Kreatur herauskommen? Ein chinesischer Prinz? Wohl kaum. Eine liebliche Elfe? Erst recht nicht. Eher, wenn es ganz schlimm kommt, eine widerwärtige Schlange. Weil ich diese Furcht erregenden Reptilien zeitlebens gehasst habe.

Völlig zu Recht, wenn ich an die Natter in Menschengestalt denke, die mich mental vergiftet hat wie kein anderer Erdenbewohner. An Ilona Kabel, die es mit jeder Kobra an Boshaftigkeit und Heimtücke hätte aufnehmen können.

Wann genau hatte ich die Bekanntschaft dieser Teufelin gemacht? Erst am Tag nach der Haftentlassung? Oder schon einen Tag vorher, beim Bewährungshelfer? Ich bemühe mein Erinnerungsvermögen, bis ganz langsam der Schrecken eines Missverständnisses in mir hochkriecht.

16.

Ich betrat das in der dritten Etage gelegene Büro meines Bewährungshelfers zwei Stunden nach Verlassen der Haftanstalt. Erwartungsvoll nahm ich auf einem der Korbstühle im weiß gestrichenen Warteraum Platz. Außer der grauhaarigen Sekretärin, die offenbar ein längeres Telefonat mit ihrer Tochter führte, sah ich weit und breit keinen Menschen. Und Rotloff ließ sich offenbar Zeit. Noch bevor er mich in sein Beratungszimmer rief, läutete es an der Eingangstür. Die Hilfskraft unterbrach widerwillig ihr Gespräch, erhob sich und öffnete kurz darauf einer faszinierenden Frau mit allen Attributen, auf die Männer wie ich Wert legen: Dunkelrote, elegant hochgesteckte Haare. Sinnliche, volle Lippen. Die Konturen der slawisch anmutenden Wangenknochen gekonnt mit Rouge betont. Wunderschöne große Brüste. Eine Wespentaille. Relativ schmale Hüften, dafür aber Beine, die bis in den Himmel ragten.

Das Lederkostüm betonte die reizvolle Figur ebenso wie kunstvoll gearbeitete, zur dunkelgrauen Oberbekleidung passende Stiefel mit hohen Absätzen. Ich verdrehte fast die Augen, starrte das Fabelwesen gebannt an und fühlte prompt ein schon vergessenes Begehren. Natürlich war mir die Hosenausbeulung peinlich und ich griff rasch nach einer der ausliegenden Illustrierten, um meinen Schoß mit ihr zu bedecken.

Die etwa 35-Jährige, mit einem Hauch von Roma parfümiert, belächelte mein Versteckspiel und setzte sich mir gegenüber hin. Sie beschäftigte sich mit einer Ausgabe der Cosmopolitan, auf deren Titelblatt es zwei halbnackte Frauen miteinander trieben.

Für einige Minuten war außer der Stimme der immer noch Privatgespräche führenden Sekretärin und dem Rascheln der Journale kein Geräusch zu vernehmen.

Dann brach mein Gegenüber das Schweigen, stellte sich mit rauchiger Stimme als Ilona Kabel vor. Die Dame fragte mich nach dem Grund meiner Anwesenheit.

„Ich, äh“, stotterte ich vor Aufregung, „bin heute ent ..., entlassen worden. Aus, aus der JVA ...“

„Oha“, war das einzige Wort, das Ilona rausbrachte, bevor sie sich scheinbar desinteressiert wieder von mir abwandte. Doch plötzlich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck und sie fragte mich, warum ich ihr nicht meine Gesamtsituation schildern wolle.

Wieder begann ich zu stottern, doch je länger ich ihr von mir erzählte, desto flüssiger trug ich meine Lebensgeschichte vor.

Die attraktive Frau hörte mir die ganze Zeit aufmerksam zu und schob einige Male ihren Rocksaum nach unten, als wolle sie nicht allzu unschicklich wirken. Als von mir alles gesagt war, schaute sie mich erst mitleidig an und stöckelte dann zu mir rüber. Fragte kokett, ob sie sich neben mich setzen dürfe und nahm, als ich die Frage bejahte, rechts von mir Platz, bevor sie von sich zu erzählen begann:

„Ob Sie es glauben oder nicht. Ich war bis vor einem halben Jahr auch inhaftiert. Wegen einer ganz dummen Sache. Drogenhandel. Angeblich. Dabei bin ich nur von einem Typen, der sich an mich rangemacht hatte, ausgenutzt und nach Strich und Faden belogen worden. Er hat mir erklärt, ich müsste auf dem Flug von Ankara nach Berlin nur einige harmlose Medikamente für ihn schmuggeln, weil er die für seine schwerkranke Mutter bräuchte. Irgendetwas wie Morphium gegen ihre Schmerzen. Tatsächlich aber führte ich ganz heißes Zeug mit mir und wurde prompt vom Zoll erwischt. Ein Jahr hab' ich im Knast verbracht. Schrecklich, das können Sie ja nachvollziehen.“

Ilonas Augen glänzten feucht, was ihr ganz ausgezeichnet stand. Verlegen griff ich nach den sorgfältig manikürten Händen der Frau und nahm allen Mut zusammen:

„Ick bin nur 'n kleena Abeeta. Maura, nischt dollet. Und Sie, Madamm, watt richtich Elejantet. Trotzdem spür ick ne Menge Sympathie für Sie. Als hätt ick uff sowatt jewartet. Könn wa uns nich wiedasehn ...?"

Zu meiner Verblüffung hauchten Ilonas Lippen, statt einer Antwort, einen Kuss. Und zwar  auf meine Stirn. Sie gestand, dass diese Faszination auf Gegenseitigkeit beruhe. Sie sei aber im Zweifel, ob ich ihren Lebenswandel akzeptieren könne. Immerhin singe sie halbnackt im Nachtklub „Bel Ami“ nahe dem Kurfürstendamm.

„Ditt macht ma nicht“ , beteuerte ich. „Hauptsache, man vadient sein Jeld. Und singen is keene Sünde! Könn´n wa uns nu wiedasehn?“

Ehe sie antworten konnte, bat der Bewährungshelfer mich zu sich herein und Ilona steckte mir schnell eine blassblaue Visitenkarte zu.

Ich sah kurz drauf, versuchte mir den Text einzuprägen und verstaute die Karte dann, in Gedanken schon beim Vermittlungsgespräch, in einer Hosentasche.

17.

Eine Stunde später stand ich an der nächstgelegenen Bushaltestelle, studierte den Fahrplan und beschloss, mit dem A 100 bis Berlin-Mitte und von dort mit der U 5 zur Firma Kluv & Partner im Bezirk Lichtenberg zu fahren. Dort sollte ich mich mit dem Referenzschreiben des Bewährungshelfers vorstellen. Endlich, so schien es, änderten sich die Dinge zum Guten. Hatte ich bei entsprechendem Fleiß die Chance auf eine dauerhafte Beschäftigung. Nicht im angestammten Beruf, aber dank meines handwerklichen Geschicks würde ich mit dem Fliesenlegen bestimmt klar kommen. Dazu hatte ich die Adresse eines Selbsthilfevereins in der Tasche, der wohnungslosen Haftentlassenen Plätze in Wohngemeinschaften vermittelte. Nicht sonderlich attraktiv, aber immer noch besser, als im Freien zu übernachten. Diesen Verein würde ich auch noch aufsuchen und mit ein wenig Glück sofort Unterschlupf finden. Und dann diese Frau, die ich unbedingt anrufen musste! Wo hatte ich nur die Visitenkarte versteckt? Ich fasste erst in die linke, dann in die rechte Hosentasche. Fand die Karte nicht sofort und hätte am liebsten laut geschrien. Doch dann riss ich mich zusammen, durchwühlte alle Taschen noch einmal und fand Ilonas Karte schließlich dort, wo ich sie zuerst gesucht hatte.

ILONA KABEL

Entertainment

UHLANDSTRASSE 6

BERLIN-CHARLOTTENBURG

Phone 030/8 8 36 58

Mehr als diese Daten benötigte ich nicht, um mich an Ilonas Fersen zu heften. Und so schmunzelte ich noch lange über das nahezu sprichwörtliche Glück, das ich mit dieser Zufallsbekanntschaft hatte. Wenn Ilona von dem, was sie versprach, nur die Hälfte hielt, konnte ich mich auf turbulente Tage gefasst machen. Und mein kleiner Prinz auf Schwerstarbeit in ihrem Allerheiligsten.

18.

Drei Tage später. Die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz zeigte für Berlin drei Minuten vor Sieben an. Ich verglich die Zeit mit der auf meiner Swatch-Armbanduhr und zündete nervös die nächste Zigarette an. Wo blieb bloß Ilona, mit der ich mich während des vorgestrigen Telefonates um Punkt halb Sieben hier verabredet hatte? Ich war kurz davor, den Treffpunkt wieder zu verlassen, als ich sie doch noch um die Ecke biegen sah.

Anfangs erkannte ich Ilona nur an der unter ihrer Kopfbedeckung hervorlugenden roten Haarpracht. Ihr sonstiges Outfit war hingegen nicht halb so aufregend wie das im Wartezimmer des Bewährungshelfers gezeigte. Zumindest hinsichtlich der Kleidung, die heute mehrere Nuancen zurückhaltender als beim letzten Mal ausfiel. Ilona trug einen gedeckten braunen Mantel, der weit über die Knie reichte, eine selbstgestrickte beige Wollmütze auf dem Kopf und Stiefel aus braunem Wildleder an den Beinen.

Ich winkte ihr heftig zu, doch sie erwiderte den Willkommensgruß nur mit einer dezenten Kopfbewegung. Trotzdem eilte ich ihr entgegen und wollte sie freudig umarmen, wurde aber unsanft zurückgewiesen:

„Cheri, hab' bitte Geduld. Wir kennen uns doch erst einige Minuten. Genau genommen überhaupt noch nicht. Und ich bin eine anständige Frau, obwohl ich in einem Night Club auftrete. Hoffentlich hast du dir nicht zuviel versprochen!"

Ich war jetzt richtig verlegen. „Ick bin halt“, meinte ich, „'n bisschen uffjerecht. Keen Wunda nach dem, watt ick duchjemacht habe. Aba ick gloob, wa könnt'n trotzdem 'n Pärchen wer'n. Seh ick dia inne Oojen jeschrieb'n."

In Momenten wie diesen gewann meine sonst eher störende Berliner Mundart an Charme und ihre Härte wich einer fast melodischen Lautfolge. Das hatte vor vielen Jahren schon Eva für mich eingenommen, trotz ihrer höheren Bildung. Und das verfehlte fürs Erste auch nicht seine Wirkung auf Ilona.

Meine Belle de Jour hakte sich nach kurzem Zögern bei mir ein, strich mit einer Hand sanft über mein Kopfhaar und setzte sich dann mit mir in Bewegung.

Kurz darauf saßen wir beide im neuen Kinocenter am Straußberger Platz und sahen uns in der Abendvorstellung den Hollywoodfilm „Tootsie“ mit dem herrlichen Dustin Hoffmann in der Hauptrolle an. Wir amüsierten uns prächtig und hielten Händchen wie verliebte Halbwüchsige.

19.

In der Nacht zum achtzehnten März lag ich wie immer hellwach in diesem Traum von Bett, das Ilonas nach ihren Wünschen hatte anfertigen lassen. Das Schmuckstück hätte bei der Lieferung nicht durch die Wohnungstür gepasst und auch nicht durch eines der Fenster, sodass mehrere Einzelteile erst vor Ort zusammengesetzt worden waren. Bekleidet mit einem hautumschmeichelnden Pyjama, fühlte ich mich wie ein Gigolo oder Playboy und wunderte mich, dass die böse Hexe noch immer nicht gekommen war, um meinen Wachtraum zu zerstören.

Mein Schatz schlief derweil anderthalb Meter von mir entfernt und wirkte mit seinen Rundungen wie eine leibhaftige Liebesgöttin. Ein fliederfarbenes Nachthemd, das Ilonas Füße umspielte, ließ auf den ersten Blick zwar eher an Askese denken, aber dafür reichte ein Griff, um die üppigen Brüste freizulegen und danach an den herrlichen Nippeln zu spielen. Ilona, deren Augenpartie von einer pinkfarbenen Satinmaske bedeckt war, wälzte sich plötzlich unruhig umher. Ob ich in ihren Träumen vorkam? Vielleicht fragte ich sie am Morgen danach. Bis dahin hatte ich aber viel Muße, über die zwei Monate seit meiner Haftentlassung nachzudenken. Über die schönste Zeit meines Lebens, die ich fast ausschließlich meiner Geliebten verdankte. Und dem Präparat „Insomnia“, das mich trotz meiner Schlaflosigkeit halbwegs vital wirken ließ.

Bei Kluv & Partner hatte ich es nur fünf Tage ausgehalten. Dann begann das in der Nacht der Maueröffnung verletzte Schienbein wieder zu schmerzen und vereitelte die Fortsetzung der gerade begonnenen neuen Handwerkerkarriere. Verzweifelt rief ich danach auf dem Weg zum Bewährungshelfer Ilona an und bat um Zuspruch. Sie reagierte ebenso spontan wie liebevoll:

„Mach Dir keine Sorgen, Cheri! Der Job war eh nichts für dich. Und zufällig hab' ich vorhin gehört, dass mein Boss einen Türsteher sucht. Der muss nicht mal besonders kräftig gebaut sein, nur vernünftig aussehen. Außerdem brauchst du eine bessere Unterkunft. Du kannst nicht ewig in dieser Männerpension bleiben. Ich selbst wohne nur wenige Schritte vom „Bel Ami“ entfernt und habe Platz genug für zwei. Wenn du zu mir ziehen würdest, fände ich das sehr gut. Du könntest dich endlich vernünftig waschen, und wir müssten uns nicht nach jedem Rendezvous trennen ..."

Ein Job als Türsteher? Ich überlegte nicht lange. Nun gut, es handelte sich um einen Amüsierbetrieb. Vielleicht sogar um einen von zweifelhaftem Ruf. Aber ich sollte ja nur draußen vor dem Lokal stehen und mich nicht prostituieren.

Schon am folgenden Abend stolzierte ich vor dem „Bel Ami“ auf und ab und musterte alle Neugierigen, die nach meiner Einschätzung über keine ausreichende Barschaft verfügten, als wären sie Schwerverbrecher. Dafür war ich gegenüber zahlungskräftiger Klientel äußerst zuvorkommend. Mitunter gelang es mir trotz des Jobs auf der Straße, bei Ilonas Auftritten hinter der Bühne zu stehen. Es war ein Hochgenuss, ihre verrucht wirkende Stimme zu hören. Und wie sie für ein überwiegend männliches Publikum verdorbene Chansons neu interpretierte, war überaus gekonnt.

Ilonas Wohnung aber war die Krönung! Noch niemals vorher hatte ich ein dermaßen feminin gestaltetes Apartment gesehen. Im Dachgeschoss eines sechsgeschossigen Hauses gelegen, entpuppte sich die Unterkunft als ein Kunstwerk zum Verlieben und Träumen. Auf vier unterschiedlichen Ebenen fanden sich herrliche Pflanzenarrangements, stilvolle Möbel und samtene Vorhänge. Raumteiler zwischen den einzelnen Ebenen waren mit erotischen Dekors verziert, die es in sich hatten. Und dann das Juwel des Apartments - das riesige Himmelbett mit Messingpfosten an den Ecken und einem mit Rüschen umsäumten Baldachin.

Für meine Verhältnisse lebte ich seither im Paradies, auch wenn mich Ilonas sexuelle Zurückhaltung zunehmend irritierte. Nichts gegen ihre gekonnten Handmassagen, aber irgendwann brauchte ich mehr als pubertäres Petting, wenn ein Wonneproppen wie Ilona Tisch und Bett mit mir teilte.

Aber ich wollte ihr gegenüber nicht ungerecht werden. Es gab bestimmt Gründe für ihr Verhalten und sie hatte sich vielleicht noch nicht getraut, sie mir zu nennen. Immerhin konnte der Glaube es ihr verbieten, vor der Ehe mit einem Mann zu schlafen. Oder Ilona war als Kind missbraucht worden und ekelte sich jetzt vor jedem Eroberer ihres Fleisches.

Außerdem erlebte ich mit ihr so viele unvergessliche Stunden auf den Streifzügen durch das neue Berlin, dass ich meine Bedürfnisse für eine Weile zurückstellen konnte, ohne gleich davon zu sterben.

20.

Draußen muss es jetzt dunkel sein. Fast so finster wie hier unten. Mit meinem hochsensiblen Gehör lausche ich dem Gesang einer Nachtigall, die sich für ihr Ständchen ausgerechnet den alten Marienfelder Kirchhof ausgesucht hat. Mein ausgemergelter Körper glüht wie von hohem Fieber, aber ich werde nicht sterben. Jedenfalls nicht jetzt und hier. Denn in meinem Zustand ist Fieber eher ein emotionales als ein körperliches Phänomen. Ich glühe vor Hass. Vor Hass auf ein ganz bestimmtes Objekt ... Alles begann am Vormittag des achtzehnten März, als ich für alle Ewigkeit traumatisiert und unwiderruflich aus der Bahn geworfen wurde.

In einem letzten Aufbegehren versuche ich krampfhaft, mich abzulenken. Beiße ich mir auf die kläglichen Reste meiner Zunge. Versuche, hohe Zahlen zu multiplizieren und das Ergebnis durch eine andere Zahl zu dividieren. Oder ich stelle mir eine rauschende Liebesnacht mit der Fee vor. Vergeblich. Ilonas zerstörerisches Coming Out brennt heiß wie die Flammen eines Krematoriums in mir.

21.

Gegen sieben Uhr blinzelte die Vorfrühlingssonne in das Apartment und ließ morgenfrische Strahlen über den Parkettfußboden tanzen. Ilona räkelte sich und nahm bedächtig ihre Schlafmaske ab.

„Mausebär!“, hörte ich sie rufen und obwohl ich mir in den nächsten Minuten eigentlich unter der Dusche Erleichterung verschaffen wollte, sprintete ich tropfnass zu Ilona. Vielleicht durfte ich sie heute das erste Mal vögeln und diese Sensation durfte ich mir nicht entgehen lassen.

„Schatz, komm´ kuscheln“, gurrte sie und zog mich zu sich runter. „Und deinen Prinzen nehme ich mir auch noch vor. Lilafarbener Nagellack müsste ihn eigentlich scharfmachen!“

Also war es wieder nichts mit der Expedition in die Tropfsteinhöhle. Aber zurückziehen durfte ich mich jetzt nicht. Das würde Ilona mir übelnehmen.

Wir herzten uns, alberten ein wenig herum und schließlich bekam ich mit meinen großen Händen Ilonas Brüste zu packen. Blitzschnell war ich obenauf und wollte mir endlich nehmen, was mein war,  aber sie bockte wie ein widerspenstiges Pferd und warf mich ab.

„Ick vasteh da nich“, protestierte ich. „Ick tu deinen kleenen Möpsen doch nischt. Bin brav und artich wie keen Zweeta und du stößt ma ständisch wech. Watt mach ick'n falsch, Süße?"

Ilona wirkte jetzt sehr ernst: „Ich muss dir etwas gestehen, Süßer. Ich bin anders, als du dir das denkst. Und ich habe große Angst, dass du mich nicht mehr magst, wenn du mein Geheimnis kennst. Lass uns lieber weitermachen wie bisher, dann können wir Freunde bleiben. Ich bitte dich, sei vernünftig ..."

Ich verstand nichts. Was hatte mein Schatz mir soeben sagen wollen? Dass ich es mit einer Lesbe zu tun habe? Na und! Wen interessierte das, wenn sie nur den Prinzen rein ließ? Ich lachte ein wenig kindisch und sprach: „Ditt wird doch nich so schlimm sein. Watt sollst du denn ham, watt ick nich weeß. Doch höchstens 'n krumm'n Buckel. Ick vasprech da, ick lache nich, ejal, watte hast, meene Süße!"

Ilona begann zu weinen und stammelte: „Du ..., du willst es nicht ... anders. Nun denn, machen ... wir' s endlich. Aber du musst dich auf den Rücken legen. Und ... darfst dich nicht wehren ... Und meine Schlafmaske musst du auch tragen!"

Ich war heilfroh, meine Kleine endlich soweit zu haben, auch wenn ich ihre Tränenflut nicht verstand. Folgsam legte ich mich so hin, wie Ilona es wünschte und ließ sie gewähren, obwohl es für mich gänzlich ungewohnt war, in der Missionarsstellung unten zu liegen.

Ilona streifte mir zur Ouvertüre ihre Maske über. Berührte dann mit einer langen Vogelfeder meinen kräftig behaarten Oberkörper.  Knabberte mit den Zähnen an meinen Brustwarzen. Rutschte in Richtung meines Schoßes und nahm meinen pulsierenden Prinzen zärtlich zwischen ihre Lippen. Dann löste sie sich von mir und ihre Stimme klang plötzlich rau und hart: „Jetzt auf die Knie!“

Ich fragte mich, was Ilona jetzt wieder von mir wollte.

„Wird’s bald!“

Irgendwas stimmte mit dem Schatz nicht, das war erkennbar. Sollte ich das Spiel beenden? Lieber nicht, hörte ich eine innere Stimme. Sonst schmeißt sie dich raus.

Widerwillig wechselte ich die Position und spürte kurz darauf etwas Hartes, das Ilona gegen meinen Po presste. „Watt soll'n ditt? Watt hast'n vor?"

Die Fragen blieben unbeantwortet. Dafür stieg der Druck auf mein Hinterteil immer mehr, bis Ilona kräftig zustieß und mir blitzartig die Erkenntnis kam, dass mich gerade ein Mann vergewaltigte. Ich versuchte mit aller verbliebenen Kraft, das Monster abzuschütteln, das dafür aber schon zu tief in mir war, unerbittlich, als wollte es mich schwängern und noch vieles mehr.

Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, gelang es mir doch noch, mich von Ilona und ihrer Dauererregung loszureißen. Ich bekam ihren Hals zu fassen, drückte wutentbrannt zu und ließ erst wieder los, als jeder Zorn verraucht war. Dann sah ich mir die leblos daliegende Person etwas genauer an. Ilona war auf der einen Seite ein Prachtweib mit künstlich aufgepumpten Brüsten und anderen weiblichen Merkmalen. Aber sie hatte auch einen Penis, der noch vor wenigen Momenten in meinem Po gesteckt hatte.

Es war zum Heulen! Seit Wochen hatte ich, der Schwulenhasser schlechthin, mit einem Transvestiten zusammengelebt. Hatte einen Mann geküsst, mich von ihm manuell und sogar oral befriedigen lassen. Hatte weder die Stacheln des in der Frühe unrasierten Gesichts bemerkt noch den Bass in der Stimme und auch nicht den Kehlkopf, der eigentlich nicht zu übersehen war. Am peinlichsten war mir aber die Sache mit dem Glied, das nur ein Blinder komplett übersehen konnte.

Ich schrie vor Wut und Verzweiflung, kratzte dann aber einen kärglichen Rest Vernunft zusammen und überlegte, ob ich  Polizei und Rettungswagen rufen solle. Beschloss dann aber in Erinnerung meiner immer noch gültigen Bewährungsauflagen, lieber zu flüchten. So weit wie möglich weg von den Häschern, die mich bald verfolgen würden. Weg von der verfluchten Stadt Berlin, dem Homosexuellen im Himmelbett und allem anderen, was bislang mein Leben ausgemacht hatte.

22.

Ein kalter Ostwind fegt über den Kirchhof. Sein Heulen dringt bis zu mir, ganz nach unten: „Memento mori! Mortem certam. Horam incertam!", meine ich zu hören, ganz so, als wolle der Wind die wenigen Besucher an ihre Vergänglichkeit erinnern.

In den kommenden Nächten droht erster Bodenfrost, aber Allerseelen und Totensonntag sind vorbei und die meisten Ruhestätten für den Winter eingedeckt. Ich friere in meiner unwirtlichen Behausung wie ein Schneider. Reibe mir die morschen Knochen, um ein wenig Wärme zu gewinnen, aber es hilft nicht. Sobald sich die Außentemperaturen von oben dem Gefrierpunkt nähern, fühle ich mich wie ein schockgefrorenes Huhn, bin zwar weiter wach, aber zum Denken nicht mehr fähig. Doch es gibt im nächsten Jahr  wieder ein Frühlingserwachen. Und mit ihm kommt auch für einen Zombie wie mich die Zeit der friedlichen, schönen Gefühle.

23.

Friedfertigkeit fehlte mir in den drei letzten Lebensjahren genauso wie innere Ruhe, Glaube an die Zukunft und Hoffnung auf ein wenig Menschenwürde. Nichts davon hatte das Schicksal für mich übrig, so sehr ich es auch anbettelte. Dafür lernte ich die Not des Parias, des von der menschlichen Gemeinschaft Ausgestoßenen, zur Genüge kennen. Genauso wie den Hass der Millionen Spießer. Für sie war ich die durchgedrehte Bestie in Menschengestalt, die nach dem verkrüppelten Polier und dem invaliden Staatsanwalt auch noch einen Travestiestar auf dem Gewissen hatte.

Eine süddeutsche Wochenzeitschrift befasste sich drei Jahre nach meinem Ausraster ausführlich mit Ilonas Schicksal. Mit ihrer aktuellen Hungerexistenz ebenso wie mit meinem Mordversuch und der vorangegangenen Liebesbeziehung zwischen uns. Ich sah im Vorbeigehen am Kiosk zunächst nur die Headline des Journals. Dann aber hielt ich ein gekauftes Exemplar des „Focus“ in den Händen und las alles über das vermeintlich ärmste Schwein weit und breit.

Das Wochenblatt beschrieb unsere Liebesbeziehung einseitig aus Opfersicht. Schilderte mich als miesen Macho und Bisexuellen. Das traf zwar nach den Fakten irgendwie zu, hielt aber keiner genaueren Überprüfung stand. Schließlich hatte Wolfgang, wie Ilona in Wirklichkeit hieß, mich wochenlang in dem Glauben gelassen, er wäre eine attraktive Frau.

Andererseits kam ich ins Grübeln, als ich die Passage über die traurige Jugend der Titelfigur las und so von den Anfeindungen erfuhr, denen sich der für sein Geschlecht zu weiche Knabe ausgesetzt sah. Im Elternhaus, in der Schule und später bei der Bundeswehr.

Noch schlimmer wurde es nach der Soldatenzeit. Er wagte endlich ein Coming Out, kleidete sich in der Öffentlichkeit wie eine Frau und musste sich in seiner Heimatstadt Kassel prompt einer Leibesvisitation bei der Polizei unterziehen. Wie er später zu Protokoll gab, rissen ihm die betrunkenen Ordnungshüter die Kleidung vom Leib und traktierten ihn mit allerlei länglichen Gegenständen, die sie ihm in den Anus stießen. Schwerverletzt suchte er Stunden später in der Notaufnahme einer Klinik erste Hilfe, aber seinen Erzählungen glaubten weder Ärzte noch Schwestern.

Nach der Lektüre des aufrüttelnden Artikels spürte ich erstmals Verständnis für Menschen wie Wolfgang. Wenn sie für ihre Neigungen nichts konnten und trotzdem von der Gesellschaft verachtet wurden, musste nach meiner Auffassung grundlegend über gewisse gesellschaftliche Strukturen nachgedacht werden.

24.

Meine Bewegungsübungen im geschlossenen Sarg zeitigen erste Ergebnisse. Gewiss würde diese Gymnastik, oberirdisch ausgeführt, ein Sondereinsatzkommando der Berliner Polizei auf den Plan rufen. Die Leute sind in Zeiten islamistischen und sonstigen Terrors nicht mehr zu solchen Späßchen aufgelegt. Aber für mich hat der Sport viele Vorteile. Ich bin nun nicht länger ein steifgefrorenes Skelett, das auf den nächsten Frühling wartet, sondern ein ziemlich agiler Zombie, der jederzeit zu einer verspäteten Halloweenparty aufbrechen könnte. Sie glauben nicht, dass es Zombies gibt? Halten mich als Erzähler dieser Geschichte gar für einen notorischen Schwindler, weil ich mich ständig als Untoten bezeichne? Dann schauen Sie sich mal, solange dieser kleine Holländer das Team trainiert, ein Fußballspiel im Berliner Olympiastadion an und achten auf die Jungs im Herthatrikot. Sie werden ein weißblaues Wunder erleben, wenn Sie denen den Puls messen.

Jetzt aber zurück zur überstürzten Flucht aus der deutschen Hauptstadt.

25.

Im Nachhinein ist es nicht zu fassen, mit welchem Aufwand die Polizei mich damals jagte! Unterstützt von der großen Gemeinde Berliner Homosexueller, die hunderttausend Mark auf meine Ergreifung aussetzte. Eine stattliche Summe für einen Desperado wie mich ...

Die Flucht! Sie führte mich per Anhalter zunächst in den Thüringer Wald. Der Fahrer des Sattelschleppers mit Rotterdamer Kennzeichen nahm mich ohne viel Federlesen auf, als er mich an der Autobahnraststätte kurz hinter Berlin erblickte. Mit einem Pappschild in der Hand, das als Fahrziel Egal. Hauptsache weg! angab. Da niemand später den Kapitän der Landstraße befragte, verlor sich meine Spur schnell im Nichts. Um meine Spur gründlich zu verwischen, tauchte ich zudem, nachdem ich dem Trucker „Good bye“ gesagt hatte, fürs Erste in den dunklen Forsten rund um Eisenach ab. Ernährte mich nur von dem, was die Natur auf ihrem Speiseplan anbot.

Die überwachen Sinne ließen mich jede Gefahr früh erkennen und so bekam mich lange Monate keine Menschenseele zu Gesicht. Dafür wurde ich Teil der Wildnis und immer mehr zu einem an dieses Leben bestens angepassten Waldbewohner. Vor allem die freundlicheren, netteren unter den Waldgeistern freundeten sich mit mir an. Nahmen mich in ihren Kreis auf und tanzten mit mir zu jeder Mitternacht, ohne dass je ein anderer Mensch von solchem Hokuspokus gehört hätte. Und wenn der nächste Morgen graute, verloren sie sich unversehens im Dickicht.

Besonders lieb gewann ich in meinen Wahnvorstellungen Elfe Trixi, die mich mit ihrem Charme betörte, wie es kein anderes Wesen zuvor geschafft hatte. Nicht einmal meine große Liebe Sabine. Daneben hatte die Elfe sogar noch Zeit, Kraft und Mut, als Schutzengel böse Baumgeister von mir fernzuhalten. Auf diese Weise überlebte ich sogar die Attacke einer riesigen Fichte, die in eindeutiger Absicht ihre Wurzeln um meinen Hals legte, genauso wie ich es mit meinen Händen bei Ilona gemacht hatte.

Im November überraschte mich ein früher Wintereinbruch. Die plötzliche Eiseskälte ließ meine Instinkte verkümmern und so bemerkte ich die mit dem Abtransport von Baumstämmen beschäftigten Waldarbeiter erst, als sie um mich herumstanden und mich dann im Handumdrehen gemeinsam überwältigten. Diese Grobiane schleppten mich mit vereinten Kräften in den nächsten Ort und ehe ich mich versah, wies mich ein herbeigerufener Arzt zur Beobachtung ins Kreiskrankenhaus ein.

Dort gaben sich vor allem die Pflegekräfte alle Mühe, aus mir wieder ein menschenähnliches Wesen zu formen. Immerhin roch ich wie der Inhalt einer Sickergrube und sah einem Yeti ähnlicher als einem Homo Sapiens. Und kommunizieren konnte ich nur noch nonverbal oder mit gutturalen, kaum verständlichen Lauten.

Doch nach drei Tagen in medizinischer Obhut besserten sich Aussehen und Befinden. Weil ich weder einen Ausweis besaß noch Angaben zur Person machte, kamen zwei Kriminaltechniker in die Klinik und behandelten mich erkennungsdienstlich. Sogar zwei Porträtfotos schossen sie von mir. Dann verabschiedeten sie sich mit der vielsagenden Bemerkung, wir würden uns bestimmt bald wiedersehen.

26.

Was blieb mir anderes übrig, als noch am selben Tag klammheimlich aus der Klinik zu verschwinden? Ich wartete am Abend, bis mein etwa gleichgroßer Zimmergenosse endlich eingeschlafen war, bemächtigte mich seiner Straßenkleidung und sprang aus dem Fenster im ersten Obergeschoss. Kam wie durch ein Wunder heil unten an und rannte davon, als wäre der Teufel hinter mir her. Erst als ich mit meinen Kräften am Ende war, verlangsamte ich das Tempo und suchte in einer Ruine Unterschlupf. Aber nur für eine Nacht, denn früher oder später würden Polizisten überall in Hessen und Thüringen nach mir suchen.

Vierundzwanzig Stunden später hatte ich mein Aussehen mit Hilfe eines im Drogeriemarkt gestohlenen Haarfärbemittels und eines Rasiermessers aus Klinikbeständen deutlich verändert. Als den flüchtigen Gewalttäter aus Berlin würde mich jetzt niemand mehr identifizieren, so hoffte ich wenigstens. Aber einen Reisepass oder einen Führerschein bräuchte ich immer noch, wenn ich bei einer Polizeikontrolle nicht in Schwierigkeiten kommen wollte.

27.

Am dritten Tag meiner Flucht aus dem Kreiskrankenhaus hatte ich es per Anhalter immerhin bis zur Autobahnraststätte bei Baden-Baden geschafft. Ich verabschiedete mich von der netten Kleinbusfahrerin, die mich über fünfzig Kilometer mitgenommen hatte und wandte mich zum Gehen, hielt aber nach dem ersten Schritt inne, als ich den in fünfzig Meter Entfernung an seinem LKW hantierenden Mann erblickte. Der Trucker sah aus wie mein Zwillingsbruder und kam mir gerade recht.

Ich schlenderte zu ihm hin und fragte so freundlich nach einer Mitfahrgelegenheit, dass er nicht nein sagen konnte. Doch diesmal hatte ich anderes im Sinn, als einem übernächtigten Trucker Gesellschaft zu leisten. Jetzt brauchte ich vor allem gültige Personalpapiere und hierzu jemanden, dessen Konterfei meinem eigenen ähnlich sah. Letzteres traf bei Erwin Prohaska aus Kärnten zweifellos zu.

„Nach Frankreich?“ Meine Zusatzfrage kurz nach Fahrtantritt zauberte ein Lächeln auf Prohaskas Gesicht und ich wusste jetzt, dass ihm Argwohn fremd war. Kurz hinter der Grenze, an der wir zum Glück nicht kontrolliert wurden, zwickte den Trucker der Darm und er bat mich, als er den LKW zum Stehen gebracht hatte, auf das Fahrzeug bis zu seiner Rückkehr aufzupassen.

Ich willigte erfreut ein, rutschte, als ich den Kärntner im Gebüsch verschwinden sah, auf den Fahrersitz und brauchte lediglich drei Versuche, bis sich das Vehikel in Bewegung zu setzte. Als ich in den dritten Gang hochschaltete, sah ich im Augenwinkel Prohaska aus dem Gebüsch kommen und wild mit den Armen fuchteln. Irgendwie tat mir der Kerl sogar Leid, aber es half nichts. Auf den Österreicher konnte ich beim besten Willen keine Rücksicht nehmen.

Eine halbe Stunde später lenkte ich das Gefährt auf einen Parkplatz, durchwühlte erst alle Ablagen, dann Prohaskas Lederjacke und hatte schnell zusammen, wonach ich suchte. Reisepass, Fahrerlaubnis, Scheckkarten und Bargeld. Wie es aussah, war ich jetzt österreichischer Staatsbürger und würde es so lange bleiben, bis es Zeit für einen erneuten Identitätswechsel würde.

 

28.

Das Elsass kannte ich noch nicht und deshalb fand ich es naheliegend, mich hier eine Weile von allen Strapazen zu erholen. In einem Dorf am Fuße der Vogesen suchte ich eigentlich nur eine weitere Mitfahrgelegenheit nach Kolmar, aber der Wirt des Gasthauses „L'Auberge D'Alsasse“ hatte andere Pläne mit mir, als ich ihn darauf ansprach. Er bot mir an, mich stundenweise als Kalfaktor zu beschäftigen und ansonsten für Handlangerdienste an Freunde zu vermitteln. Dafür bekäme ich von ihm ein kleines Taschengeld sowie Kost und Logis frei.

Ich willigte nach kurzem Zögern ein und fasste in der Folgezeit allmählich wieder Fuß. Die Einheimischen sprachen leidlich Deutsch, so dass wir uns verständigen konnten. Sie fragten mich nicht nach dem Woher und dem Wohin und ich dankte es ihnen, indem ich mir für keine Arbeit zu schade war und nicht mal über die lausige Unterkunft im Gasthaus klagte.

Äußerlich war mir nicht anzumerken, dass ich mich weiterhin wie ein gehetztes Wild fühlte. In der Dunkelheit einsamer Nächte aber starrte ich aus dem Fenster auf das bedrohlich wirkende Mittelgebirge und versuchte vergeblich, meine Gedanken zu ordnen. Dann schrieben wir den zehnten Juli Neunzehnhundertneunundneunzig. Ein Sonntag, der den vorläufig letzten Wendepunkt meines armseligen Lebens markierte ...

Ich betätigte mich wie immer am Wochenende als Kellner in der Wirtsstube meiner Herberge, kam mit der Entgegennahme der Bestellungen kaum nach und hatte auch noch eine Gruppe Pariser Homosexueller zu bedienen. Die teilweise bizarr gekleideten Hauptstädter schäumten vor Lebensfreude über, erregten mit ihrem Gebaren aber den Unmut der Einheimischen. Einige knutschten sich im Schankraum sogar ab und in mir erwachte wieder der Hass, der zu den Ereignissen vom März Neunzehnhundert-sechsundneunzig geführt hatte.

Immer noch hätte alles gut ausgehen können. Aber dann stand, als ich austreten war, ein angetrunkener Junge mit kräftigem Rouge auf Mund und Wangen im Vorraum der Toilette hinter mir und versuchte mich zu küssen.

„Stopp!“, fauchte ich, doch der Mistkerl ließ nicht locker. Schon war eine Hand an meinem Schritt und ich explodierte. Heftiger als nach der Vergewaltigung in Berlin und mit noch schlimmeren Folgen. Diesmal hörte ich mit dem Würgen erst auf, als alles Leben aus dem Sittenstrolch gewichen war.

Die Augen panisch geweitet, besah ich mir die Bescherung und war für einen Augenblick wie paralysiert. Doch dann fing ich mich wieder und schleifte den schlaffen Körper über den gefliesten Boden in eine WC-Kabine. Schloss die Tür von innen, zog mich an ihr hoch und sprang auf der anderen Seite hinunter. Ich verschnaufte kurz, eilte dann in den Schankraum zurück und bat den empörten Wirt, mich für heute zu entschuldigen. Mir sei übel und ich müsse mich ständig übergeben.

 

29.

Der Bahnsteig der Linie Zwei in der Berliner Metrostation Bismarckstraße quoll vor Menschen über. Trotz der Schulferien hasteten viele Berufstätige zur Arbeit. Mütter versperrten mit ihren Kinderwagen anderen Fahrgästen den Weg. Zwei Ordnungshüter kämpften sich durch die Menge, um einen Streit zwischen Pennern zu schlichten. Die Rush Hour war für mich der ideale Rahmen, um vor aller Welt ein letztes Zeichen zu setzen.

Vor fünf Tagen hatte ich, von Furien getrieben, mein Exil im Elsass verlassen. In der Gewissheit, dass mir die Häscher der Gendarmerie schon auf den Fersen waren und alle wussten, dass ich nicht der arbeitsame Erwin Prohaska war, sondern der seit Jahren gesuchte Georg Schmitz.

Auf halbem Wege zwischen Kolmar und Freiburg hatte ich dann beschlossen zu kapitulieren. Vor der Polizei, der Vergangenheit, den bösen Mächten und vor mir selbst. Ich führte von der einzigen öffentlichen Telefonzelle eines badischen Kaffs zwei Gespräche. Zuerst mit Eva, die noch immer in der norddeutschen Provinz lebte. Die erkannte meine Stimme und legte sofort wieder auf, sodass ich nicht mal mehr meinem Sohn Adieu sagen konnte.  

Als ich danach Sabine Müller zu erreichen versuchte, meldete sich deren Mutter. Sie war auch kurz angebunden, holte aber wenigstens ihre Tochter ans Telefon. Die Fee klang zunächst euphorisch, legte aber nach wenigen Minuten umso erschütterter den Hörer auf die Gabel des vorsintflutlichen Apparates. In der Gewissheit, dass bald mit mir auch ein Stück von ihr sterben würde.

Mir war kalt, als ich zur nahen Landstraße ging. Geistesabwesend bedankte ich mich bei dem netten Herrn im hellblauen Peugeot für die Mitfahrgelegenheit. Stieg in Freiburg mit einem flüchtigen Lächeln aus dem Wagen und begab mich zum Hauptbahnhof, wo ich eine einfache Fahrt mit dem ICE in meine Heimatstadt buchte. Zur Endstation meines Lebens.

30.

Die U-Bahn näherte sich mit entsetzlichem Lärm. Der von den Berliner Verkehrsbetrieben zum Leidwesen der Fahrgäste immer noch eingesetzte Wagentyp Gisela konnte seine DDR-Herkunft trotz zwischenzeitlicher kosmetischer Nachbesserungen nie verbergen. Jetzt sah ich bereits die Zugführerin, ein attraktives junges Ding. Erahnte noch gerade eben, wie sich die Pupillen ihrer Augen vor Schreck weiteten, als ich vor die Bahn sprang. Ohne Anlauf, als handelte es sich um die leichteste Übung der Welt.

Im nächsten Augenblick prallte ich schon gegen die Frontseite des Waggons. Rutschte von dort nach unten und fiel unter den Zug. Blieb von Amputationen meiner Gliedmaße verschont, weil ich nicht auf, sondern zwischen die Schienen geriet. Was an den tödlichen Verletzungen aber nichts änderte. Vor allem an den multiplen Schädelbrüchen, die für drei weitere Selbstmorde ausgereicht hätten. Ganz zu schweigen von den inneren Blutungen infolge massiver Organquetschungen ...

Mit distanziertem Interesse begutachtete ich das Ergebnis meiner Bemühungen, die Fronten zu wechseln. Vom irdischen Jammertal ins ferne Nirwana zu gelangen.

Die merkwürdige Perspektive, aus der ich den Bahnsteig betrachtete, irritierte mich zunächst nicht. Gleich einem Vogel oder Schmetterling betrachtete ich das  Geschehen da unten. Die aufgeregten Fahrgäste. Die für Ordnung sorgenden Polizeibeamten. Die mit einem Schock zusammengebrochene Zugführerin. Und die Bergung meiner Leiche vom Gleiskörper.

Was hatte ich hier noch zu suchen? Ich war doch längst in einer anderen Welt. War so mausetot wie ein geschlachtetes Schwein. Trotzdem verfolgte ich mit einer Mischung aus mildem Entsetzen und menschlicher Neugier die Ereignisse auf dem U-Bahnhof. Roch, hörte und sah wie zu Lebzeiten. Mir wurde angst und bange, bis mir die Erleuchtung kam. Ich an die Erzählungen klinisch Toter dachte, die zurückgeholt worden waren. Angeblich konnten sich manche Unfallopfer vorübergehend mit ihrem Geist aus dem ohnmächtigen Körper entfernen. Sich und die Umgebung von sonst wo betrachten. Bis ihr Hirn wieder zu funktionieren begann oder sie endgültig das Zeitliche segneten. Wie ich. Weshalb der ganze Spuk um mich herum gewiss bald vorbei sein würde.

Sekunden später blickte ich in einen Tunnel, der am Ende gleißende Helligkeit verströmte. Der Sog eines himmlischen Tornados riss mich in die Röhre und eine großartige Gelassenheit breitete sich in mir aus. Eine Heiterkeit, die keineswegs irdischen Ursprungs sein konnte. Ich hatte es geschafft! War befreit! Bereit für den ewigen Schlaf!

Dann sah ich, wie der Gerichtsmediziner ein blutiges Etwas von mir in eine stählerne Schüssel legte und den Sektionsgehilfen aufforderte, das zerrissene Monstrum zu wiegen.

Jetzt näherte sich ein mir unbekanntes Folterinstrument meinem Kopf und der mit einem Mundschutz versehene Mediziner begann meine Schädeldecke mit der Säge zu öffnen. Das tat weh. Höllisch weh! Aber das wusste der Professor nicht. Ich lag regungslos da und brachte keinen Laut heraus, sodass er gar kein Unrechtsbewusstsein für sein Handeln entwickeln konnte.

Aber Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Schon im nächsten Frühjahr würde ich ihn, zu neuem Leben als Zombie erwacht, an seinem Arbeitsplatz besuchen und ihn an die Bedeutung eines in Vergessenheit geratenen Bibelspruchs erinnern:

„Auge um Auge, Zahn um Zahn!“

 

 

 

Isa

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Der bayerische Winter meinte es nicht gut mit Abdulla und Maria. Seit Stunden stapften sie querfeldein durch den Tiefschnee. Immer auf der Suche nach einer geeigneten Unterkunft für die Geburt ihres Sohnes, die unmittelbar bevor stand. Zumindest, wenn die immer heftigeren Wehen der 28Jährigen aus Betlehem ein Indikator hierfür waren. Vielleicht hatten sie schon eine verlassene Hütte, einen vom Viehbauern aufgegebenen Stall übersehen, aber was sollten sie machen? Ununterbrochen fiel Niederschlag, meist als kleine nasse Flocken, manchmal auch als Eisregen, der Nadelstichen gleich in ihre Gesichtshaut eindrang und ihnen die Sicht nahm.

„Worauf habe ich mich eingelassen?“, jammerte Abdulla.

„Auf ein Leben ohne Gefahr für unseren Sohn!“, entgegnete Maria.

„Das klingt wie Hohn!“, meinte der Zimmermann. „Aber wenigstens erschießen sie dich hier nicht…“

Maria wollte noch etwas sagen, ließ es dann aber. Abdulla war schon genervt genug. Von der Kälte. Und der Dunkelheit, die sich unerwartet früh über ihren Köpfen nach Westen schob. Wenn sie jetzt keinen Unterschlupf fanden, mussten sie im Freien übernachten. Bei Minusgraden ein tödliches Unterfangen. Und der Wurm in ihrem Bauch würde seine Heimat nicht einmal zu Gesicht bekommen …

Abdullah, der wie seine Frau in orientalisch anmutenden Gewändern steckte, zog plötzlich an ihrem Ärmel. Maria wollte schon fragen, was er nun schon wieder wolle, doch dann schaute sie in die Richtung, die ihr Gefährte mit dem freien Arm vorgab.

„Eine Scheune?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Eine Scheune! Und ihrem Zustand nach eine verlassene! Bestimmt wird es drinnen ziehen wie Hechtsuppe, aber …“

„Hechtsuppe? Was ist das denn?“

Abdulla lächelte flüchtig. „Das habe ich gestern aufgeschnappt, als ich dem Gespräch zweier Einheimischer lauschte. Zum Glück war mein Onkel lange genug als Arzt hier beschäftigt. So konnte er mir nach seiner Rückkehr noch Deutsch beibringen, bevor er starb …“

Maria zögerte einen Moment, schien eine unsichtbare Gefahr zu wittern, doch dann nickte sie. „Gehen wir rein! Der Allmächtige wird uns behüten!“

„Allah ist groß!“, ergänzte Abdulla und nahm Maria an die Hand. Mit bangem Blick auf ihren geblähten Bauch führte er sie vorsichtig in die offen stehende Scheune. Vergewisserte sich mit der Taschenlampe, die er schon bei der Abreise aus den besetzten Gebieten bei sich gehabt hatte, dass es genug Stroh gab, aber keine Tiere, die ihnen gefährlich werden könnten.

„Alles in Ordnung!“, wisperte er schließlich verschwörerisch. „Du kannst es dir jetzt bequem machen!“

Maria schüttelte verständnislos den Kopf. Diese Männer! Immer mussten sie sich und anderen beweisen, wie toll sie waren! Dabei hatten sie es oft gar nicht nötig, den Helden zu markieren. Aber schuld waren letztlich gewisse Geschlechtsgenossinnen, die sich lieber an eine starke Schulter lehnten, als ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

In diesen Gedanken hinein spürte sie das Kommen der nächsten Wehe. Und diesmal wurde es ernst für sie und den kleinen Gast, der mit Macht nach draußen drängte. Auch wenn der Junge ihr erstes Kind war und sie allenfalls ahnte, wie Abdullah seinen Samen in ihren Schoß befördert hatte, wusste sie doch wie jede Frau um das Mysterium der Entbindung …

Abdulla half in den folgenden Minuten, so gut er es konnte. Scheute sich nicht einmal, sein Gewand zu beschmutzen, obwohl er in absehbarer Zeit zu keinem anderen kommen würde. Dann hörte er den ersten Schrei des Balgs und endlich nicht mehr die seines Weibes. Er griff wieder nach der Taschenlampe, beleuchtete das Schauspiel, das sich ihm bot und dankte Allah für das Geschenk des Himmels, das er zusammen mit seiner Maria großziehen würde.

„Nenne den Sohn Isa!“, hatte der Unbeschreibliche ihm vor Monaten in einem äußerst lebhaften Traum bedeutet. „Es wird Zeit für einen neuen Erlöser!“

Seine Familie hatte ihn ausgelacht, als er ihr von der Vision erzählte. „Was bist du“, hatte ihn der älteste Bruder gefragt, „ein Muslim oder ein christlicher Sektenanhänger? Aber Isa soll er meinetwegen heißen. Wie der Prophet, den die Ungläubigen für ihren Heiland halten …“

Danach war ihm Allah noch einige Male erschienen. Immer mit einer neuen Botschaft, die das Überleben des kleinen Wurms sichern sollte. Verlasse Betlehem! Fliehe aus Palästina! Mach dich auf den Weg in das europäische Land, dessen Sprache du vom Onkel gelernt hast! Und sorge dafür, dass Maria in Bayern niederkommt.

Draußen hatte es aufgehört zu schneien. Womöglich in dem Augenblick, als Isa kopfüber ihren Schoß verlassen hatte. Maria besah sich ihren Erstgeborenen im Taschenlampenlicht. Fand, dass er Abdulla wenig ähnelte. Dafür glich er der Lichtgestalt, die ihr vor neun Monaten im Schlaf erschienen war, umso mehr.

„Er kommt ganz nach dir!“, behauptete sie wahrheitswidrig, als sie Abdullas Zweifel bemerkte.

„Und nach IHM!“

„Egal“, meinte Maria. „Wir müssen jetzt die Nabelschnur durchtrennen!“

„Was habt ihr hier zu suchen?“

Maria und Abdulla erschraken fast zu Tode, als sie die knarzende Stimme des Scheunenbesitzers vernahmen. Und sie gerieten endgültig in Panik, als der Begleiter des Schreihalses sich am Lichtschalter zu schaffen machte und es in der Scheune plötzlich taghell war. Beide Eindringlinge waren bewaffnet. Der Kerl am Lichtschalter mit einem Baseballschläger. Der Wortführer mit einem Jagdgewehr.

„Asylantenpack!“, meinte der geringschätzig und der andere sprach so, dass den beiden Palästinensern das Blut in den Adern gefror:

„Jetzt bringen die ihre Brut schon im christlichen Bayern auf die Welt! Und das am Heiligen Abend!“

Abdulla war außer sich. Vor Wut. Und vor Angst. Vor allem aus Angst um das Überleben des Sohnes, den Allah ihm anvertraut hatte. Obwohl körperlich geschwächt, sprang er mit dem aus dem Gewand geholten Messer in der Hand hoch. War mit zwei Sätzen beim Mann mit dem Baseballschläger. Versetzte ihm einen tödlichen Stich ins Herz und schaffte es auch noch, den zweiten Angreifer ins Jenseits zu befördern, ehe ihm eine Kugel aus dem Jagdgewehr die Lunge zerfetzte.

Maria war fassungslos. Starrte minutenlang auf die drei Toten und begriff nur allmählich, dass sie an das Messer ihres Mannes heran musste. Wie sonst ließe sich die Nabelschnur durchtrennen? Mit letzter Kraft band sie die dicht an ihrem Schoß ab. Hangelte dann nach der Stichwaffe und durchtrennte mit ihr, was nicht mehr zusammengehörte.

„Geschafft!“, murmelte sie und verstand, als sie das Blaulicht vor der Scheune sah, warum sie hatte in Bayern entbinden sollen. Wo sonst in der Welt würde am späten Heiligen Abend ein Rettungswagen des Roten Kreuzes auf ein schneebedecktes Feld rasen, um ein Kind wie Isa vor dem sicheren Tod zu bewahren?

Ronny - ein Weihnachtskrimi

Ronny war nichts heilig. Warum auch. Ohne Hemmungen lebte es sich einfacher. Zum Beispiel beim Maskenspiel. Es galt,  möglichst viele Leute zu erschrecken und auszurauben, wenn sie in Ohnmacht gefallen waren. Wer die fetteste Beute machte, galt als coolster Typ der Gang.

Nach dem Besuch von Tom vor zwei Stunden lag er uneinholbar vorn. Dafür hatte der Alte es hinter sich. Einen Herzinfarkt überlebte kein 89-Jähriger. Und niemand würde den taffen Ronny belangen. Natürlicher Tod und tschüss.

Jetzt galt es, die fette Beute in Sicherheit zu bringen. Zehntausend Dollar waren kein Pappenstiel. Doch wer wollte ihm das Geld abjagen? Er hatte seine Pistole schussbereit in der Hand und sein Finger war am Abzug verdammt schnell. Und dann trug er ja noch die Maske des Grauens.

Den großen Spiegel, der auf eine Metallwand geklebt war und aufs Dach des Kaufhauses sollte, beachtete Ronny nicht. Erst als er wieder hochschaute und diesen Gangster mit der Pistole in der Hand auf sich zukommen sah, war er wieder der schnelle Ronny. Immer eine Sekunde eher am Abzug als der Andere.

Vier Schüsse gab er ab und zwei Kugeln kamen postwendend zurück. Hinterließen in seinem Gesicht das große Staunen und auf dem vorweihnachtlichen Schneeboden einige tiefrote Flecken.

Aus den Lautsprechern am Kaufhauseingang dröhnte „I wish you a merry Christmas“.