Autorenhomepage von H. L. Ween

Ausschreibung Walter Serner-Preis 2015

Beitrag

Titel: Herr Mao geht Gassi

 

Herr Mao war stolz auf Herrn Johan. Natürlich auch auf Frauchen Ilona. Aber das würde er nie offen zeigen. Eine Frau, bah! Seinem Besitzer hingegen würde er sogar in die Hölle folgen. Oder ins Stadtbad Charlottenburg zum Duschen.

„Herr Mao, Lust auf Gassi gehen?“

Das zeichnete Herrn Johan aus. Er respektierte ihn als gleichwertiges Lebewesen. Und er hatte ihm die deutsche Sprache beigebracht. Nicht nur wie der Hundebesitzer im Sketch von Loriot seiner Promenadenmischung. Jaulen konnte jeder Straßenköter. Er, der Herr Mao, spielte in einer anderen Liga. Er sprach akzentfrei die Muttersprache seines Herrchens und nutzte die Touren am frühen Abend zu geistvoller Konversation.

„Mit oder ohne Leine?“

Welche Frage! Herr Mao schüttelte seinen Kopf. „Wie immer, Herr Johan. Ohne natürlich!“

„Der Mops japst wieder! Er braucht sein Asthmamittel!“

Herr Mao war jetzt beinahe wütend und knurrte Frauchen an. Als letzte Warnung vor dem Schmollen. Wenn er in diese Phase geriet, war mit ihm nicht gut Kirschen essen.

„Unsinn“, widersprach Herr Johan seiner Gattin. „Alle Möpse japsen. Jedenfalls die traditionellen. Wenn du einen ohne Japsen haben willst, bitte. Die züchten jetzt Sportmöpse. Sehen aus wie Hunde!“

Frauchen lachte etwas zu schrill. Mao sah geringschätzig zu ihr hin. Das war eben ein Kompliment von Herrn Johan! Keine Geringschätzung! Ein Traditionsmops stand in der Hundehierarchie so weit oben, dass die anderen Vierbeiner nicht mal rochen, wenn er zu ihnen runter furzte!

„Möchte Herr Mao mir bitte folgen?“

„Selbstverständlich, Herr Johan! Auf dem Fuß!“

Draußen vor der Dachgeschosswohnung hielt Herr Johan schon die Aufzugstür für ihn auf.

„Danke!“, nuschelte Herr Mao. Aufzüge waren für ihn von ähnlicher Bedeutung wie Rettungsringe für Ertrinkende. Neunzig Stufen per pedes bis zum Parterre schienen ihm eine größere Herausforderung zu sein als die Besteigung der Eiger-Nordwand.

Unten angekommen, wartete schon der Paketbote vor dem Aufzug. Herr Mao wunderte sich. Warum nahm der Uniformierte nicht die Treppe? Er gab doch sowieso alle Sendungen bei der Firma im ersten Obergeschoss ab!

„Hallo!“

„Hi!“

Jetzt musste Herr Mao wohl oder übel auch grüßen, obwohl alle Postboten natürliche Feinde für ihn waren. „Guten Abend!“, kläffte er kurz und zackig.

„Beißt er?“, wollte der Paketzusteller wissen.

Und Herr Johan antwortete schlagfertig: „Nur in die Kehle, seien Sie unbesorgt!“

Herr Mao strahlte und fragte: „Welche Route nehmen wir?“

Herr Johan überlegte eine Weile, ehe er seinen Vorschlag unterbreitete. „Die lange Tour. Ich muss abnehmen. Oder wünschen Sie eine andere Strecke?“

„Hm, hm ...“ Herr Mao war ein Meister des Minimalismus. Wozu viel reden, wenn ein Wort genügte? Vielleicht kam er deshalb mit Mopsfrauen nicht klar. Immer hechelten die aufgeregt und kriegten sich nicht ein, wenn sie ihn sahen. Er war doch kein Popstar! Und einer für den One-Night-Stand erst recht nicht!

„Bitte aufpassen, Herr Mao!“

Sie standen jetzt an der Bordsteinkante zum Fahrdamm der Richard-Wagner-Straße und Herr Mao dankte den Mopsfreunden, die speziell für ihn die Bordsteinkanten in Berlin abgeflacht hatten.

„Jetzt!“, rief Herr Johan.

Herr Mao spurtete los. Nun ja, es sah eher nach gravitätischem Schreiten aus. Aber was erwarteten andere Erdenbewohner von ihm? Dass er blitzartig um die Ecke schoss? Wenn sein Schöpfer das gewollt hätte, wäre er mit Flügeln oder langen Beinen geboren worden. Auf der anderen Straßenseite warteten hübsche Bäume in der parkähnlichen Anlage auf ihn. Da musste Herr Johan nicht zum Plastikbeutel greifen wie auf den Gehwegen. Das bisschen, was bei einem Mops rauskam, lohnte eh nicht den Aufwand.

Hundert Meter weiter begrüßte Herr Johan die nette Nachbarin, die vom Schwimmen im Stadtbad kam.

„Hi, Mao!“, maunzte sie zu ihm runter und er gönnte ihr ein knappes Schwanzwedeln. Dann waren Herr Johan und er wieder allein auf weiter Flur.

„Sieht gut aus!“, fand Herr Mao, als sie vor dem Stadtbad anhielten. Solange Herr Johan keine Anstalten machte hineinzugehen, konnte er unbesorgt die Schönheit der an märkische Backsteingotik erinnernden Fassade bewundern.

„Der Bau ist von 1890“, merkte Herr Johan an und fuhr fort: „Eigentlich sollte das im Krieg teilzerstörte Gebäude nach der Errichtung des neuen Bades abgerissen werden. Zum Glück ist es nicht dazu gekommen. Jetzt steht das Bauwerk sogar unter Denkmalschutz!“

Herr Mao grunzte behaglich. Er war der wissbegierigste Hund weit und breit und saugte alles, was Herr Johan erzählte, wie ein Schwamm in sich auf. Leider war sein Langzeitgedächtnis nicht für das Speichern von menschenhistorischen Daten gedacht. Und so blieben die Erklärungen von Herrn Johan immer spannend für ihn. Auch wenn er das eben Gesagte zum vierten Mal in dieser Woche hörte.

Zurück ging es wieder durch die kleine Grünanlage und auf halber Strecke zur Richard-Wagner-Straße kamen ihnen vier Kinder entgegen, die an den Rollstuhl gefesselt waren.

„Arme Schweine!“, brabbelte Herr Johan und winkte ihnen zu, was spontane Freudenkundgebungen der Kleinen zur Folge hatte. Mit dem Lehrer, der die schwerstbehinderten Kinder in der benachbarten Schule unterrichtete, wechselte Herr Johan noch einige Worte und war dann wieder ganz Ohr für Herrn Mao. „Wohin wollen Sie? Zu Rogacki? Da dürfen Sie leider nicht rein. Aber vielleicht kommt die nette Verkäuferin raus und schenkt Ihnen ein Würstchen ...“

Herr Mao war mit sich und der Welt im Reinen. Noch zweihundert Meter bis zum Feinkostparadies, dann winkte als Belohnung für einen treuherzigen Augenaufschlag ein herrlich schmeckendes Häppchen für den Appetit zwischendurch. Und Herrchen kam auch auf seine Kosten, weil er Verkäuferin Gabi fast genauso gern hatte wie Frauchen. Zumindest tauschten beide, wenn sie sich von Menschen unbeobachtet fühlten, Zärtlichkeiten aus. Nun gut, er würde nicht petzen. Und als Bestechung sah er das Würstchen auch nicht.

„Ganz schön viel los auf der Wilmersdorfer Straße!“, fand Herr Johan.

Herr Mao stimmte mit einem knappen „Ja!“ zu. Der Kiez zwischen der Krumme Straße im Osten und der Gierkezeile im Westen hatte nach den Erzählungen von Herrn Johan viele Jahre im Dornröschenschlaf gelegen. Doch seit Berlin boomte wie keine andere deutsche Stadt und insbesondere die zentrumsnahen Stadtteile eine magische Anziehungskraft auf Touristen und Neubürger entwickelten, war es mit der Hunderuhe vorbei. An manchen Tagen ging es hektischer zu als in seiner chinesischen Heimat. Und wegen der viel zu vielen Kraftfahrzeuge, deren Besitzer auf der Suche nach einer Parkmöglichkeit verzweifelten, war er trotz geringeren Schadstoffausstoßes der einzelnen Vehikel bisweilen nahe der Ohnmacht. Die Kleinen traf es immer am härtesten.

„Einen kleinen Augenblick, bitte!“

Herr Mao nickte verständnisvoll und verkroch sich vor dem Eingang des von Menschen überquellenden Lebensmittelgeschäfts in eine halbwegs sichere Ecke. Neugierig beäugte er aus der Deckung die hastig entlangeilenden Passanten und staunte über die Rassenvielfalt, die sich ihm darbot. Es gab wie bei den Hunden große und kleine, dünne und dicke, dunkle und helle Vertreter der Art und er wollte nur allzu gern wissen, woher diese Menschen kamen und warum sie sich an einem so belebten Ort drängten.

„Wir sind auch Herdentiere!“, hatte Herr Johan vor kurzem erklärt.

Und wenn seine Behauptung zutraf, war sein Besitzer bestimmt ein Alphatier. Zumindest nach den Annoncen, die ihm die Weibchen machten.

„Huhu!“

Herr Mao war entzückt. Verkäuferin Gabi hielt ein Paar Würstchen in die Höhe, das unzweideutig für ihn bestimmt war. Für ihn war der Fall jetzt klar. Herr Johan hatte ihn länger als sonst warten lassen und mit der Freundin mehr als Nettigkeiten ausgetauscht! Wenn das Ilona erfuhr, gab es zuhause bestimmt Krach.

Wenig später küsste Herr Johan die in ihn verliebte Verkäuferin zum Abschied, als ob es kein Morgen gäbe und ihm war die Angelegenheit hinterher spürbar peinlich. „Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist“, murmelte er und versuchte sich abzulenken, als er mit Herrn Mao vor dem fast fertigen Wohnensemble zwischen Wilmersdorfer Straße und Gierkezeile stand. „Das sieht gut aus, stimmt´s? Unterschiedliche Fassaden und Grundrisse, tolle Wohnungen zum Kaufen und Mieten. Und auch der Ullrich ist wieder da. Sogar größer als im abgerissenen zweigeschossigen Altbau!“

Herr Mao lächelte in sich hinein. Herr Johan war sowas von ängstlich! Als ob Frauchen ihn genauso verstehen würde wie sein Besitzer es tat! Aber ihm sollte es recht sein. Seinetwegen konnte Herr Johan auch mit einer Verkäuferin von Ullrich was anfangen. Dann gab es noch ein Leckerli beim Gassi gehen und er fühlte sich mopsfidel. Der Weg führte an den noch halb eingerüsteten Neubauten vorbei zu einem Kinderspielplatz und Herr Mao hätte am liebsten die Einzäunung markiert, um den Kleinen seine Verbundenheit zu bekunden.

Leider hatte Herr Johan kein Verständnis für dieses Bedürfnis. Er schimpfte unerwartet heftig: „Schäm dich, dummer Köter!“

Herr Mao war wie vom Donner gerührt. Eben noch frohgelaunt, wäre er am liebsten im Erdboden versunken, so sehr schämte er sich. Schließlich galt er als wohlerzogener Mops, der nicht die seiner Rasse zugeschriebenen fünf Minuten am Tag bekam. Er fing leise zu wimmern an und Herr Johan erbarmte sich seiner.

„Ist schon gut, Herr Mao! Wir machen alle Fehler!“

Eine winzige Träne lief dem Mops aus dem rechten Auge, dann stabilisierte sich sein Gemütszustand wieder. Als Herr Johan nach rechts in die Gierkezeile abbog, war Herr Mao schon wieder wissbegierig: „Ist das bauliche Ensemble an der Ecke zur Zillestraße eine Kirche?“, wollte er wissen.

„Fast richtig“, entgegnete Herr Johan. „Das Gebäude zur Straßenfront sieht zwar aus wie eine Kapelle, ist aber Teil des ehemaligen Städtischen Krankenhauses, das anfangs aus einem dreigeschossigen Haupthaus und mehreren dahinter angeordneten Krankenpavillons bestand. Das Ensemble steht auch unter Denkmalschutz.“

„Sie sind so klug“, lobte Herr Mao und hinterließ seine Duftmarke an einem noch jungen Straßenbaum.

„Herr Mao ...“

Der Mops sah seinen Besitzer vorwurfsvoll an, verzichtete aber auf eine Kommentierung. Wie konnte Herr Johan vergessen, dass es nicht zu unterdrückende Triebe gab? Oder galt für einen Mops anderes Recht als für den Alphamenschen? Traurig trottete Herr Mao neben Herrn Johan her und seine Stimmung verbesserte sich erst, als der Besitzer nach rechts in die Haubachstraße abbog. Bis nach Hause waren es jetzt nur noch dreihundert Meter und bald würde er sich von den Strapazen des Gassi Gehens erholen können. Wenn es dann, wieder nach rechts, in die Wilmersdorfer Straße hineinging, würde Herr Johan aber nochmals seinen Wissensdurst stillen müssen.

„Du wolltest was wissen?“, fragte Herr Johan prompt und erriet auf Anhieb, was der Mops erst noch sagen wollte. „Dich interessieren die Häuser an der Kreuzung Wilmersdorfer Straße/Haubachstraße. Das verstehe ich gut. Das eingeschossige Eckhaus auf der südlichen Straßenseite steht schon seit rund zweihundertfünfzehn Jahren festgemauert in der Erde. Überlege mal, wie viele Mopsleben das sind. Und insgesamt ist der Bereich von großer Bedeutung für die städtische Architekturgeschichte. Du kannst an der Geschosszahl der einzelnen Gebäude und daran, ob es Ein- oder Zweispänner sind, die Entstehungszeit erkennen!“

„Ach ja“, meinte Herr Mao nur und gähnte herzhaft. Die Anstrengungen des langen Spaziergangs spürte er jetzt deutlich in den Knochen. Kein Wunder bei seinem Alter von acht Hundejahren.

„Wollen wir die Straße gleich überqueren?“, fragte Herr Johan an der Kreuzung.

Herr Mao grunzte ein „Ja!“ und schaute erst nach links und dann nach rechts, ehe er sich auf den Fahrdamm wagte. Für einen Mops, fand er beim Erreichen des gegenüberliegenden Gehweges, war er ein unfassbar kluges Lebewesen.

Auf den letzten Metern des abendlichen Gassi Gehens wurde es für Herrn Mao noch einmal kritisch. Vor dem türkischen Restaurant gab es für vorbeikommende Menschen und Tiere nur einen Meter Platz, weil die Gäste des Lokals wegen der großen Wärme ihre Mahlzeiten im Freien vor dem Gebäude ein- und keine Rücksicht auf die Passanten nahmen. „Rücksicht gibt’s nicht mehr“, maulte der Mops und wich im letzten Augenblick einem Radfahrer aus, der ebenfalls den Bürgersteig zweckentfremdete.

„Du hast ja recht“, fand Herr Johan. „Die Leute denken fast nur noch an sich. Aber ehe wir auf andere schimpfen, sollten wir uns vielleicht an die eigene Nase fassen. Fehlerfrei sind wir beide gewiss nicht!“

Herr Mao überlegte kurz und senkte seinen Blick voller Demut, weil er sich an den Zaun zum Spielplatz erinnerte. Dann hörte er die Stimme der netten Frau, die das Café Sinnbild betrieb.

„Mao, mein süßer Mao!“, rief sie voller Begeisterung und er wusste, dass in wenigen Augenblicken ein Trinknapf mit sauberem Wasser für ihn gefüllt werden würde. Das Hundeleben in einer Stadt wie Berlin mutete bisweilen wahrhaft paradiesisch an.