Autorenhomepage von H. L. Ween

Verirrte Engel

Die Hamburger Kripo wird zu einem Tatort im Hotel Bridge an der Alster gerufen. Dort finden Hauptkommissarin Sofie Scheel und ihre Kollegen den übel zugerichteten Kaufmann Berger vor. Schnell wird klar, dass er zuletzt in Begleitung einer jungen Frau war, aber die Ermittlungen verlaufen im Sande.
Monate später machen sich die Beamten einer Sonderkommission in Berlin auf den Weg zu einem anderen Leichenfundort. Wieder ist ein Mann das Opfer, dessen Leib ähnlich verstümmelt wurde. Und wie beim Mord an der Alster haben die Täter ein Bekennerschreiben hinterlassen. Es geht um Rache für vergangene, zuvor ungesühnte Taten ...

Verlag: KSB-Media, 2016

Produktinformation

Taschenbuch: 172 Seiten

Preis: 10,50 €

Verlag: KSB-Media

Auflage: 1 (1. März 2016)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3946105254

ISBN- 13: 978-3946105251

Ebook:

Preis: 8,49 €


ISBN-13: 9783946105268




ISBN-10: 3946105262






Leseprobe

Sie schaute in den Spiegel und schüttelte den Kopf. Wie ein Flittchen sah sie aus. Aber das gehörte zum Plan, in dem es keinen Platz für Sentimentalitäten gab. Sie ging noch mal alle Einzelheiten durch wie eine Weitspringerin die Details ihres Anlaufs und gab sich einen Ruck. Sie stöckelte los, wurde mit jedem Schritt mehr zur Femme fatale und blieb vor der Zielperson stehen. »Darf ich bitten, mein Herr?«, fragte sie den nahezu kahlköpfigen Gast des Tanzlokals.
Der errötete wie ein Schuljunge. »Sie, Sie wollen …?«, stammelte er.
»Aber gewiss doch. Sie etwa nicht?«
»Oh doch«, versicherte er eilig.
»Aber heute noch!«, drängte sie und der Fabrikant aus Berlin stolperte mehr vor sich hin, als dass er zur Tanzfläche schritt. Dort angekommen nahm er seine Position ein, verneigte sich knapp vor ihr und gab sich fortan bei Rumba, Tango und Blues alle Mühe.
Plötzlich löste sie sich von ihm. »Willst du die Nacht mit mir verbringen?«, fragte sie und hoffte, dass der Fisch anbeißen würde.
»Die – die Nacht?«, stotterte er.
Sie sah ihn voller Mitleid an: »Du bist ein Dummerchen. Wegen der Liebe sind wir doch auch hier! Oder willst du dir nur Appetit für zu Hause holen?«
In seinem Schädel schien es zu brummen und zu summen.
»Und?«, hakte sie nach.
»Natürlich will ich die Nacht mit Ihnen, äh, mit dir verbringen! Ich bin ja froh, dass du die Initiative ergriffen hast …«
»Dann ist ja alles in Ordnung«, fand sie und ließ ihn zu Melodien wie Moon River vor sich hinträumen, bis sie ihn um eine Erholungspause bat.
Er geleitete sie voller Besitzerstolz zu seinem Tisch, orderte beim Ober eine Flasche Champagner und wandte sich wieder ihr zu. »Wie heißt du?«
»Cindy«, hauchte sie.
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und fragte verlegen: »Wie bist du ausgerechnet auf mich gekommen?«
»Schau dir die anderen Männer an, dann weißt du es.«
»Ich gefalle dir besser als die jungen Hüpfer?«
»Richtig. Ich stehe auf reiche und mächtige Freunde.«
»So einfach ist das?«, sinnierte er.
»Natürlich nicht! Wer bei mir landen will, muss auch das gewisse Etwas haben.«
»Wie ich?«
Sie lächelte unergründlich: »Natürlich. Schade, dass du verheiratet bist.«
»Wie kommst du darauf?«
»Weil auf jeden attraktiven Mann zu Hause eine Frau wartet. Oder bist du nicht …«
»Doch, doch.«
»Aber sonst weiß ich nichts von dir. Nicht mal, wie du heißt.«
»Otto. Ich heiße Otto.«
»Niedlich«, meinte sie und bat ihn trotz der noch halb vollen Flasche, draußen vor dem Ballhaus zu warten, bevor sie in Richtung Damentoilette davonstöckelte. Im Augenwinkel sah sie, dass er den Ober zu sich zitierte, um die Rechnung zu bezahlen.
Als sie später auf die regennasse Straße trat, stand er mit dem Rücken zu ihr an der Bordsteinkante und winkte einem Taxi. Offenbar hatte er jede Hoffnung auf sie fahren lassen. Nach wenigen Schritten war sie, einem Schatten gleich, neben ihm. Hakte sich unter und trällerte: »Hier bin ich.«
Die Erleichterung war ihm deutlich anzusehen. »Ich dachte ...«
»Denken solltest du den Pferden überlassen«, wisperte sie. »Die haben den größeren Kopf.«
Er nickte ergeben und half ihr ins Taxi, das vor ihnen zum Stehen gekommen war.
»Danke«, flüsterte sie ihm zu, als er sich neben sie setzte. »Fahren wir zu dir?«
Wieder nickte er.
»Gut, sag bitte dem Fahrer, wo wir hinwollen.«
Der Berliner brauchte einen Tick zu lange, um bei der Nennung des Hotelnamens souverän zu wirken. »Bridge. Hotel Bridge an der Alster.«
Der Taxifahrer drehte sich um und lächelte süffisant. »Gern, mein Herr. Wie es Ihnen beliebt.«
Auf halbem Weg zum Ziel nahm sie das Handy aus ihrer Handtasche und fragte: »Darf ich telefonieren, Schatz?«
Er sah sie von der Seite an und zog die Stirn in Falten.
»Ich will nur wissen«, erklärte sie ihm, »wie es meiner Mutter in Minsk geht. Sie kränkelt zurzeit.«
»Bist du Weißrussin?«
»Stört dich das?«
Er schüttelte den Kopf und sie wählte die Nummer ihrer Freundin, die schon im Bridge auf ihre Ankunft wartete.