Autorenhomepage von H. L. Ween

Im Schatten der Medaille #3: Blendend weiß - Chichil Agency 2012 -  war innerhalb des Serials "Im Schatten der Medaille" einer von acht Beiträgen.

1.

   Bis zum Beginn der Olympiade waren es noch sieben Monate, aber Erich Fromm erschien die Hektik um ihn herum bereits jetzt, zwei Tage vor dem Jahreswechsel, wie Teufelszeug. Welcher Unterschied zu den frühen Jahren, schoss es ihm durch den Kopf. Das waren die 1960er. Den Deutschen Olympischen Sportbund gab es noch nicht und stattdessen das gute alte NOK und den Deutschen Sportbund. Dazu Elvis und den Rock´ n Roll, später die Beatles und Stones. Die Teilung in Ost und West und auf beiden Seiten von Mauer und Stacheldraht Betonköpfe ohne Ende. Aber alles lief gemächlich ab. Ohne die heutige Hetze, die viele Menschen ins Burnout-Syndrom trieb.

   Wenigstens war der Trubel bald für ihn vorbei. Bis zu den Spielen im Juli und August hatte er sich, obwohl schon über siebzig, verpflichtet. Weil er das Geld für seine behinderte Frau brauchte. Und nach Auffassung der Vorgesetzten über die meiste Erfahrung aller Kollegen verfügte. Auch in ungewöhnlichen Situationen nicht die Ruhe verlor. Und es mit großem Einfühlungsvermögen immer wieder schaffte, unterlegene Bewerber in den Interessenbekundungsverfahren zu besänftigen.

„Haben Sie das Ergebnis von Los 5.4?“, fragte ihn respektvoll die ein halbes Jahrhundert jüngere Janine Kurz.

„Habe ich!“, entgegnete der Routinier und spielte in seiner Fantasie durch, wozu er sich in der Realität nie hinreißen ließe. Die dralle Blondine saß einen Wimpernschlag lang auf seinem Schoß. Nur mit schwarzer Unterwäsche bekleidet und dabei, ihn zärtlich zu küssen. Mit Zunge, was er in seiner Ehe so schmerzlich vermisste.

„Reiß dich zusammen“, knurrte er sich, unhörbar für andere, an und übergab der gebürtigen Holsteinerin den Ordner mit den Unterlagen.

„Dasselbe Ergebnis wie beim letzten Mal?“, wollte Traugott Börner wissen, der bisher abseits gestanden hatte.

„Dasselbe wie jedes Jahr“, lästerte die junge Frau, und der nur unwesentlich ältere Börner ergänzte:

„Das Traditionsunternehmen HOLEKATE wird sein Bestes geben. Ob Gurgeln oder Zähneputzen, HOLEKATE wird euch immer nutzen…“

   Alle drei lachten jetzt, und Fromm setzte noch einen drauf:

„Ohne die Vermarktung ihrer antiquierten Produkte bei großen Sportveranstaltungen wäre die Firma des alten Gerstenmeier längst verloren. Das pfeifen die Spatzen von den Dächern. Ich hoffe nur, dass die Pleitegeier nicht ausgerechnet über London kreisen, wenn Zahnpasta und Zahnseide ins Olympische Dorf geschafft werden. Sonst müssten die armen Athleten für die Mundhygiene aus eigener Tasche zahlen…“

2.

„Wenn ich das zuhause erzähle“, meinte Hans Norden am Ende eines langen Arbeitstages zu seinem Chauffeur,

„glaubt mir das keiner…“

„Und wenn doch?“, wollte der in Ehren ergraute Kraftfahrer vom Chef wissen.

„Dann Gnade mir Gott! Elise hat zwar Verständnis für ökonomische Zwänge und würde mir einiges nachsehen…“

„Auch nützliche Aufwendungen zur besseren Platzierung am Markt?“

„Auch das. Außerdem sind die hunderttausend für den Olympiaauftrag gut angelegt. Selbst nach Abzug der Kosten für die Freilieferungen ans Olympiateam bleiben zwei oder drei Millionen, die wir übers Jahr durch den ungeheuren Werbewert der Kampagne gewinnen. Und das gilt nur für Deutschland. China, Russland, Indien, Japan und acht kleinere Länder haben wir auch schon im Sack. Wenn das so weitergeht, sind wir bald Global Player!“

„Verstehe ich nicht“, meinte der eingefleischte Junggeselle hinterm Lenkrad.

„Und dann nimmt Madame Ihnen übel, wenn Sie auch ein wenig Spaß haben wollen?“

Dr. Norden im Fond der Luxuslimousine lächelte maliziös.

„Dass zu einer ordentlichen Bestechung als Kompott auch ein Puffbesuch zählt, weiß seit den Skandalen bei VW jedes Kind und natürlich auch mein holdes Weib. Aber sie ist strikt dagegen, dass der Zahlmeister bei so einer Gelegenheit auch zum Rittmeister wird!“

„Den Spruch vom Zahl- und Rittmeister kenne ich sonst nur in umgekehrter Reihenfolge. Erst zwanzig Minuten Rittmeister und dann zwanzig Jahre Zahlmeister! Aber gut. Spaß hat es ja offenbar gemacht…“

„Und ob!“, beteuerte der Marketingchef. Zündete sich trotz des stillen Protests seines Chauffeurs eine dicke Zigarre an, fand im selben Moment sein Gehabe ziemlich stereotyp und drückte sie wieder aus, um Otto Elsner nicht unnötig zu provozieren. Schließlich war der Mann mit seinen Fahrkünsten, dem Pflichtbewusstsein und der unbedingten Diskretion für ihn und die Firma Gold wert.

3.

   Wenige Stunden später verließen Ottokar Gerstenmeier und seine beiden Assistenten wie begossene Pudel das Bankhaus Opferheim. Über dreißig Jahre war ihr Unternehmen schon Marktführer in mehreren Dutzend Staaten. Hatte es die Regeln erfunden, nach denen sich die wenigen Konkurrenten richten mussten und lieber junge, aufstrebende Wettbewerber aufgekauft, als selbst Geld in die Produktentwicklung zu stecken. Und jetzt sollte schon bei der ersten Gewinndelle Schluss sein?

„Ohne den Olympiaauftrag sind Sie tot!“, hatte Bankchef Meisel in der Krisensitzung unmissverständlich gedroht. Und Gerstenmeier, mit dreiundachtzig eigentlich viel zu alt fürs operative Geschäft, wusste sehr wohl, dass sich am Nachmittag in Frankfurt am Main entschied, ob es für dringend erforderliche Reformen bei HOLEKATE nochmals eine Gnadenfrist gab oder demnächst hunderte von Beschäftigten ihren Arbeitsplatz verloren.

„Wenn wir das überstehen“, sinnierte er auf dem Weg zurück zum Stammwerk,

„mache ich euch beide zu gleichberechtigten Geschäftsführern und ziehe mich aufs Altenteil zurück. Wie gesagt, wenn wir das überstehen…“

4.

„Welche hohen Gäste in meiner Hütte!“, lästerte Erich Fromm, als er Maaß und Witzig am Vormittag nach der Auswertung des Interessenbekundungsverfahrens durch die Tür seines Büros kommen sah.

„Eigentlich werde ich immer zu Ihnen gerufen…“

   Die beiden Chefs nickten flüchtig, setzten sich ungebeten und fragten den Senior zunächst pflichtgemäß, wie es der werten Gattin gehe, ehe sie zum Anliegen ihres Bittgangs kamen.

„Wir haben gehört“, meinte Edwin Maaß als Wortführer,

„dass der alte Gerstenmeier wieder Los 5.4 gewonnen hat!“

   Fromm setzte sich in Positur.

„Und? Schließlich ist er lange genug dabei und weiß, an welchen Rädchen er drehen muss, wenn er mit dem DOSB ins Geschäft kommen will!“

„Aber, aber“, beschwerte sich Claus Witzig.

„Sie wollen doch nicht etwa behaupten, wir ließen uns schmieren?“

   Fromm grinste anzüglich, sparte sich aber einen Kommentar und überließ wieder den Chefs die Gesprächsführung.

„Also gut“, meinte Maaß schließlich.

„Der DOSB ist dabei, sich umzustrukturieren. Das kostet nicht nur Zeit und Nerven, sondern auch viel Geld. Deshalb wollen und können wir nicht alles beim alten lassen. Ein gutes Beispiel ist unsere Kooperation mit HOLEKATE. Die beliefern uns zwar seit Menschengedenken mit Mundhygieneartikeln, aber es kommt zu wenig für uns dabei rüber…“

„Für den Sportbund?“, wollte Fromm wissen.

„Für wen denn sonst? Glauben Sie etwa den Quatsch von der allgegenwärtigen Korruption?“

   Der greise Mann schüttelte den Kopf.

„Haben Sie das nötig, so herum zu eiern? Natürlich gibt es Bestechung, hat es Korruption immer gegeben. Damit ist doch nicht gesagt, dass Sie persönlich so was machen. Aber dass es korrupte Funktionäre gibt, sehen wir ja am Skandal der

FIFA!“

„Lassen wir das Thema“, meinte Maaß, der seine Zeit nicht mit unnützen Diskussionen vertrödeln wollte, zumal sein Kopf nach dem nächtlichen Bordellbesuch doppelt so groß wie sonst zu sein schien,

„und machen es kurz. TEETH hat zwar, wie ich hörte, nur das drittbeste Konzept vorgelegt, verfügt aber über das größte Zukunftspotenzial aller Bewerber und ist zudem das Unternehmen mit dem jugendlichsten Image. Wenn wir diese beiden Faktoren anders als bisher gewichten…“

„Dann verändern wir nachträglich die Regeln“, behauptete Fromm, der seinem Chef ungeniert das Wort abgeschnitten hatte.

„Und wenn schon. Letztlich heiligt der Zweck die Mittel…“

„Und was soll ich jetzt machen?“

   Fromm war die Skepsis deutlich anzumerken, und Maaß packte den alten Herrn an seiner empfindlichsten Stelle:

„Wir wissen um die Aufwendungen für Ihre kranke Frau. Und wollen uns erkenntlich zeigen, wenn Sie uns Ihrerseits ein klitzekleines bisschen entgegenkommen“

„Wie soll ich das anstellen? Es ist doch alles lückenlos dokumentiert!“

„Gibt es keine Ausschlussgründe?“

   Fromm stutzte, überlegte kurz und verwies dann auf die für eine Teilnahme am Interessenbekundungsverfahren unabdingbare Bonität.

„Da haben wir es schon! Ich habe mich bei der Hausbank des alten Gerstenmeier nach der finanziellen Situation seines Unternehmens erkundigt und ziemlich Unerfreuliches gehört. Wenn Sie wollen, schreibe ich Ihnen dazu eine Notiz!“

„Und was ist mit dem Zweitplatzierten? Was soll ich da machen?“

„Um den brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Der hat schon bei zwei anderen Losen die Nase vorn, und mehr ist ohnehin nicht zulässig!“

„Dann muss ich nur noch meine beiden Mitstreiter mit an Bord holen!“

„Müssen Sie nicht, lieber Fromm“, entgegneten Maaß und Witzig unisono. Und Maaß fuhr allein fort:

„Fräulein Kurz ist gerade zur persönlichen Referentin von Witzig aufgestiegen. Und Traugott Börner hat heute und morgen in London zu tun, gehört zu einer Vorabdelegation des DOSB, die sich den Stand der Vorbereitungen in der britischen Hauptstadt anschaut. Sie sehen, dass wir an alles gedacht haben…“

„Dann muss ich wohl ran. Wie viel ist Ihnen die Sache wert?“

   Maaß griff nach einem Zettel, schrieb etwas darauf und schob ihn zu Fromm hinüber. Der besah ihn sich ungläubig und meinte dann:

„Ein gutes Argument für das Wechseln der Pferde! Ein verdammt gutes Argument, würde meine Frau dazu sagen…“

5.

Gerstenmeier spürte ein seltsames Kribbeln in seinem Bauch. Vier Tage war das neue Jahr schon alt und immer noch hatte er keine Nachricht vom DOSB. Früher hatte er spätestens am Tag nach der Auswertung der Bewerberunterlagen einen Anruf des Urgesteins Fromm erhalten, auch wenn die offizielle Entscheidung noch ausstand. Und manchmal hatte sogar ein ranghöherer Funktionär zum Telefon gegriffen, um sich für die Übernahme der Kosten eines zweiwöchigen Aufenthalts in der Toskana zu bedanken. Und diesmal? Kein Anruf. Kein Brief. Keine E-Mail. Keine SMS. Die Burschen in Frankfurt schienen ihn völlig vergessen zu haben und er ahnte auch, wer daran schuld war. Sein ehemaliger Abteilungsleiter Norden hatte bei seinem Ausscheiden vor fünf Jahren eine Verpflichtungserklärung unterschreiben müssen, sich sechsunddreißig Monate nicht bei einem Konkurrenzunternehmen zu verdingen. Hatte sich auch, soweit das überprüft worden war, strikt an das Verbot gehalten, aber ziemlich oft mit einem Investmentbanker getroffen, der vorhatte, das an der Börse verdiente Geld in der Realwirtschaft anzulegen. Seit knapp zwei Jahren gab es jetzt die TEETH GmbH des Bankers und genauso lange zählte Dr. Norden als Marketingchef zur Unternehmensleitung. Mit riesigem Erfolg, wenn es nach den Umsatzsteigerungen ging, auch wenn die Firma das Volumen von HOLEKATE noch nicht erreichte. Bestimmt hatte sich die TEETH GmbH auf Anraten Nordens am Interessenbekundungsverfahren beteiligt. Und wie er seinen ehemaligen Mitarbeiter einschätzte, schreckte der auch im neuen Unternehmen nicht vor unsauberen Machenschaften zurück.

   Gerstenmeier erstarrte, als er an die Korruptionspraxis seines eigenen Unternehmens dachte und ließ Glaser, den Mann fürs Grobe, zu sich rufen. Der stand wenig später vor ihm und fragte brav, was er für den Chef tun könne.

„Sagen Sie, Glaser, ganz im Vertrauen“, entgegnete der greise Patriarch.

„Was haben die Kerle vom olympischen Sportbund diesmal bekommen?“

   Glaser erbleichte.

„Noch nichts, Chef, wir wollten diesmal signalisieren, dass es Geld erst nach der Entscheidung zu unseren Gunsten gibt. Wir haben es ja nicht mehr so üppig…“

„Also nichts! Absolut nicht! Und wer hat das angeordnet?“

Glaser sah Gerstenmeier verdattert an und knurrte:

„Sie persönlich, Chef! Sogar gegen den Rat Ihrer Führungskräfte!“

„Ich fasse es nicht“, murmelte der Greis und der Schock über seine fatale Fehleinschätzung war ihm deutlich anzumerken.

„Hoffentlich habe ich Esel der Firma mit meiner Halsstarrigkeit nicht das Genick gebrochen! Aber wenn Nordens neuer Arbeitgeber das Rennen macht, weiß ich, dass er die olympischen Herren mit Geld zugeschüttet hat. Ohne unlautere Mittel kommt er gegen uns nämlich immer noch nicht an. Und dann können Sie nochmals zeigen, was für ein Bluthund Sie sind. Dann treten wir mit einem lauten Knall von der Bühne ab!“

6.

   Der DOSB stellte die Sieger der Interessenbekundungsverfahren auf einer eigens hierfür einberufenen Pressekonferenz im schicksten Frankfurter Hotel vor. Die wichtigsten Ausstatter des Olympiateams durften ihre Produkte gebührend vorstellen, und vor allem die Models, die in den Kleidern der deutschen Athletinnen und Athleten über den Laufsteg schwebten, erregten die Aufmerksamkeit der Journalisten und Fotografen.

   Mundhygieneartikel waren weniger hierzu geeignet. Und so verfolgte nur Marketingchef Norden für TEETH, einen der Überraschungssieger, das Geschehen. Immerhin nutzte er seine guten Kontakte zu Gott und der Welt, um in die meistgesehene Talkshow zu kommen und dort angenehm distanziert für seine Produkte zu werben.

   Gerstenmeier, der kurz vor dem rettenden Verkauf seines Lebenswerks an einen chinesischen Investor stand und so wenigstens einen Teil von HOLEKATE zu retten hoffte, sah die Sendung mit dem neuen Marketingstar eher zufällig und regte sich so auf, dass er einen Herzinfarkt erlitt und die folgenden zehn Krisentage mit Mühe überlebte. Als es ihm wieder besser ging, brachte er den Vertrag mit den Ostasiaten rasch in trockene Tücher und hatte fortan viel Zeit, um sich seinem Lieblingsprojekt zu widmen. Es galt, die erlittene Schmach zu rächen und dabei sowohl TEETH als auch dem olympischen Sportbund eins auszuwischen. Dafür mietete sein Adlatus Glaser Laborräume in einem Stuttgarter Gewerbehof, nahm Kontakt zum spanischen Dopingspezialisten Iglesias auf und sorgte dafür, dass Lagerverwalter Kühn, der alle Auslieferungen der vormaligen Konkurrenzfirma überwachte, gegen ein Zubrot ein Auge auf die Kartons mit der für die Olympiade vorgesehenen Zahnpasta warf. Dreitausend Tuben der Marke WHITE TEETH ULTRA waren für die Olympioniken und Funktionäre der Vertragsländer vorgesehen, und der Werksspion sollte sich wieder melden, wenn feststand, welche Margen an wen geliefert werden sollten.

7.

   Die Mediziner der Olympiateams hatten aus den misslichen Dopingskandalen der Vergangenheit gelernt. Niemand sollte mehr, so ihr hehrer Wunsch, wegen des Nachweises unerlaubter leistungssteigernder Mittel disqualifiziert werden und dem Image des Heimatlandes Schaden zufügen. Die Wege der Wissenschaftler unterschieden sich allerdings so wie Hitze von Kälte oder Feuer von Wasser.

   Viele kleinere Länder, deren Athleten ohnehin auf den hinteren Plätzen landen würden, verzichteten völlig auf das Teufelszeug. Andere, bedeutendere Sportnationen probierten es weiterhin mit Stoffen, die körpereigenen Substanzen glichen und deren Zuführung auch mit modernsten Methoden und Messgeräten kaum nachzuweisen war. Die dritten schließlich, unter ihnen die Russen und Chinesen, tüftelten schon solange an den Aufbau- und Abbauprozessen der Mittel, dass sie sicher waren, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Einerseits wussten sie jetzt endlich, welche Mengen welcher Präparate in die Athletenkörper gelangen mussten, um zu den Sommerspielen das Leistungsmaximum zu gewährleisten. Andererseits war ihnen auch -weitaus mehr als in früheren Jahren- klar, wann die Athleten die Mittel absetzen mussten, wenn sie den Dopingfahndern in London nicht in die Falle gehen wollten.

   Besonders geschickt stellten sich die Chinesen beim Versteckspiel an. Wie durch ein Wunder gab es bei den Kontrollen durch die WADA, die den Sportlern aus Fernost sogar in den entlegensten Winkeln der Erde nachspürten, keinem einzigen Treffer. Und die Fahnder mutmaßten schließlich, von den Chinesen an der Nase herumgeführt zu werden. Ihr Verdacht, die Sportler aus dem Reich der Mitte hätten allesamt Doppelgänger, die für sie zu den Tests erschienen, löste allerdings nur Heiterkeit aus.

   Dagegen gingen den WADA-Experten im Juni, nur sieben Wochen vor Beginn der Spiele, überraschend zwei deutsche Schwerathleten ins Netz, die immer wieder schworen, nicht gedopt zu haben, aber schon einmal positiv auf Nandrolon getestet worden waren. Natürlich glaubten ihnen unter diesen Umständen nicht einmal die eigenen Funktionäre und Trainer, als der Wirkstoff Trenbolon in ihrem Blut gefunden wurde, und der DOSB benannte eilig zwei Gewichtheber als Nachrücker für die Spiele.

8.

   Gerstenmeier fühlte sich trotz gesundheitlicher Probleme wohl wie lange nicht mehr. Die den vermeintlichen Dopingsündern zu Testzwecken untergejubelte Zahnpasta hatte ihren Zweck erfüllt, und in wenigen Wochen würde er die letzte Stufe der Rakete zünden, mit deren Hilfe er Funktionäre und Athleten der deutschen olympischen Bewegung ebenso zum Teufel zu jagen hoffte wie die verhasste Firma TEETH GmbH.

„Erzählen Sie doch nochmal, wie Sie das angestellt haben“, bat er Glaser, als der ihn in seiner Villa aufsuchte, und der Mann fürs Grobe ließ sich nicht lange bitten:

„Dr. Iglesias ließ sich von mir als erstes erklären, für welche Zwecke wir eine verbotene Substanz benötigen. Die Idee mit der Zahnpasta kam ihm recht schnell, weil er sich an den Fall des deutschen Langstreckenläufers Dieter Baumann erinnerte und an den damals eingesetzten Wirkstoff Nandrolon. Er entschied sich nach einigem Überlegen dafür, statt Nandrolon den synthetischen Arzneistoff Trenbolon herzustellen, der für Muskelaufbau und zur Leistungssteigerung gut geeignet, allerdings auch für einige Nebenwirkungen bekannt ist. So verschlechtern sich bei Männern die Leberwerte und die Libido geht in den Keller, während es bei Frauen zu veränderter Stimmlage, zum Ausbleiben der Periode und zu Körperhaarwachstum kommt…“

„Das reicht“, fand Gerstenmeier, der viel lieber hören wollte, wie Glaser es genau angestellt hatte, die Gewichtheber zu narren.

„Also gut“, seufzte der Intimus, der seine Geschichte schon x-mal erzählt hatte.

„Ich habe zunächst die beiden Testpersonen ausgesucht, mich nach ihren Lebensgewohnheiten erkundigt und dabei erfahren, welche Zahnpasta sie regelmäßig benutzen. Iglesias, der zu diesem Zeitpunkt schon genug Trenbolon hergestellt hatte, injizierte eine ausreichende Menge davon in von mir beschaffte Tuben, und der Rest war ein Kinderspiel. Ich brach bei den Sportlern ein, drückte aus den mitgebrachten Tuben so viel heraus, dass sie wie die angebrochenen aussahen und tauschte sie aus. Das Ergebnis kennen Sie. Wenn es uns gelingt, den deutschen Olympioniken ebenfalls mit Trenbolon versetzte Zahnpasta unterzujubeln, werden wir die größten Skandalspiele aller Zeiten erleben…“

   Gerstenmeier strahlte:

„Wenn alles gelingt, haben Sie einen fetten Bonus verdient! Und wenn es mich das letzte Hemd kostet…“

9.

   Die Sportschule Kaisereiche war in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Kein Wunder bei der Vergangenheit des Objekts als Kaderschmiede östlicher Geheimdienste unter der Schirmherrschaft von Markus Wolf. Zwischenzeitlich hatte niemand mehr Verwendung für das Objekt in der Niederlausitz gehabt, doch jetzt war das Gebäudeensemble dank der Millionen eines amerikanischen Getränkeherstellers wieder ein architektonisches Schmuckstück und der weitläufige Garten eine Augenweide. Die zum Objekt gehörende, völlig neu erbaute Leichtathletikanlage wies nach Auffassung aller Fachleute Weltniveau auf. Glich im Übrigen weitgehend dem Londoner Olympiastadion. Und so war es nicht weiter verwunderlich, dass sich chinesische und deutsche Leichtathleten Mitte Juli auf ein gemeinsames Trainingslager in der abgelegenen Sportschule verständigten.

   Die Hardliner unter den Pekinger Funktionären sorgten anfangs erfolgreich für eine konsequente Abschottung ihrer Sportler außerhalb der gemeinsamen Übungszeiten und Vergleiche unter Wettkampfbedingungen. Doch schon nach drei Tagen war die von oben verordnete Isolation nicht länger aufrechtzuerhalten. Das Internet hatte auch die chinesische Jugend inzwischen verändert und weltoffener gemacht. Ernsthafte politische Diskussionen mit durchaus gegensätzlichen Positionen waren nichts Ungewöhnliches mehr. Und so konnte im Laufe der Zeit allenfalls an der Trainingsbekleidung und den unterschiedlichen Gesichtszügen erkannt werden, welche Sportler aus Mitteleuropa und welche aus dem fernen China kamen.

   Und es gab vor wenigen Jahren noch für undenkbar gehaltene Zusammenkünfte am Rande des Trainingslagers. Hochkarätige Trainer diskutierten über Themen wie optimierte Wettkampfvorbereitung und leistungsmindernde Einflüsse auf Spitzensportlerinnen. Deutsche und chinesische Mediziner fanden sich heimlich zusammen, um offener als sonst über Chancen und Risiken von Doping zu sprechen. Und als sich die Aktiven sicher waren, dass teamübergreifende Flirts nicht zwangsläufig zur Heimreise führten, waren in den freien Stunden hin und wieder wild knutschende deutsch-chinesische Pärchen, in einem Fall sogar ein schwules, in den Gärten zu sehen.

10.

   Die Langstreckenläuferin Min Jun aus einem nordchinesischen Dorf nahe der mongolischen Grenze verliebte sich sogar in zwei deutsche Athleten, die eineiigen Zwillinge Karsten und Kuno Sperling aus Hoppenstedt. Und sie brachte, als sie sich im Gespräch mit den Brüdern verplapperte, im deutschen Lager ein Gerücht auf, das zu abstrus war, um es nicht ernst zu nehmen. In der chinesischen Delegation sorgte der Anruf aus Deutschland, der dem Gerücht zugrunde lag, schon seit Tagen für Gesprächsstoff, doch war es nicht in ihrem Sinn, dass die Deutschen ebenfalls von ihm erfuhren. Schließlich würden sich die Deutschen und sie bald als sportliche Gegner begegnen. Und es konnte nicht schaden, wenn die Konkurrenten im Kampf um die Medaillen Gefahr liefen, als Dopingsünder aufzufliegen.

   Dr. Doll, Cheftrainer der deutschen Leichtathleten, schüttelte nur den Kopf, als die Gebrüder Sperling ihm die Geschichte erzählten. Wollte sich anschließend bei den chinesischen Offiziellen vergewissern, was an dem Gerücht dran sei, stieß bei seiner Recherche aber auf eine Mauer des Schweigens. Frustriert alarmierte er den gerade zum Team gestoßenen OK-Chef Naumann, der die Geschichte ebenfalls hanebüchen fand, aber kein Risiko eingehen wollte und deshalb ebenfalls die Zwillinge befragte.

   Die Brüder warteten ihm gegenüber mit Neuigkeiten auf, die sie von Min Jun hatten. Angeblich sei ein Attentat ganz eigener Art auf das deutsche Olympiateam geplant. Den Sportlern sollten unerlaubte Substanzen zugeführt werden, sodass sie ohne die Gefahr nachträglicher Disqualifikation zu keinem Wettkampf antreten könnten. Wie das geschehen solle, sei aber ungeklärt.

   Der OK-Chef, dem Unwägbarkeiten ein Gräuel waren, telefonierte danach zwei Stunden mit wichtigen und zumeist auch gewichtigen Leuten. Vernahm nur mehr oder weniger kluge Ratschläge und trat schließlich die Flucht nach vorn an. Er reservierte für den Abend die Halle des Sports mit ihren 500 Sitzplätzen, bat alle deutschen Aktiven, sich dort um 20 Uhr einzufinden und hielt sich, als er alle Schäfchen um sich versammelt sah, nicht mit Vorreden auf, sondern kam gleich zur Sache:

„Einige von Ihnen haben bestimmt schon vom Gerücht gehört, das bei den Chinesen zurzeit rumläuft. Angeblich hat sich ein anonymer Anrufer damit gebrüstet, den deutschen Olympioniken die Suppe versalzen zu wollen. Aus welchen Gründen auch immer. Verbotene Substanzen sollen Ihnen zugeführt werden, ohne dass Sie es merken. Und keiner soll denken, vor einer Disqualifikation wegen Dopings sicher zu sein. Liebe Freunde, die Diskussion ist eröffnet!“

   Von so viel Transparenz und Demokratieverständnis des OK-Chefs überrascht, gaben sich Funktionäre und Athleten in der Diskussion alle Mühe, den Dingen auf den Grund zu gehen, doch neue Erkenntnisse und Vorschläge gab es wenige. Nach einer Stunde fand Naumann die Zeit für ein Zwischenfazit gekommen und erteilte dazu dem Leiter des medizinischen Dienstes das Wort. Professor Trag schien sichtlich überrascht, brachte die Diskussionsbeiträge aber schnell auf den Punkt:

„Wenn ich davon ausgehen darf, dass ein Anschlag möglichst alle treffen soll, gibt es nicht sonderlich viele Übertragungswege. Essen und Trinken wären solche Möglichkeiten. Einatmen nichtstofflicher Substanzen eine weitere. Und natürlich heimlich vertauschte Medikamente, die wir Ihnen nichtsahnend geben. Und schließlich gibt es die Option, beim Gurgeln mit Mundwasser oder ähnlichem etwas aufzunehmen oder beim Zähneputzen…“

   Weiter kam er nicht, weil die meisten sofort an Dieter Baumann und das Nandrolon in seiner Zahnpasta denken mussten.

„Das glaube ich nicht“, prustete die beste Hochspringerin des Landes. Ihre Nachbarin, für den Weitsprung nominiert, lachte sofort schallend los. Und ein Berliner mit unverkennbarer Kodder-Schnauze meinte nur, während er sich den Bauch hielt, das alles komme ihm so absurd vor, dass er jetzt lieber gehen werde.

   Der Mediziner wirkte ob des negativen Echos ein wenig indigniert, hatte aber auch nicht die Vorstellungskraft für ein Szenario, bei dem fünfhundert Menschen sich unfreiwillig bei der Zahnpflege dopten. Und so nahm er diese Option aus der weiteren Diskussion, die mit der Aufforderung an die Verantwortlichen endete, für größtmögliche Sicherheit im Olympischen Dorf zu sorgen.

11.

   Die professionell vorgehenden Einbrecher kamen nachts um 1.30 Uhr ohne Anstrengung in die riesige Auslieferungshalle. Dank Lagerverwalter Kühn, der ihnen seine Schlüssel überlassen hatte. Und ohne Angst, bei ihrem illegalen Treiben erwischt zu werden, weil Glasers Gehilfe die Wachleute mit einem narkotisierenden Mittel im Bier betäubt hatte. So von störenden äußeren Einflüssen abgeschirmt, fiel es ihnen leicht, unter den Kartons mit Zahnpasta den für das deutsche Olympiateam auszumachen und ihn gegen den mitgebrachten auszutauschen. Fünfzehn Minuten nach dem Beginn der Aktion waren die Männer schon wieder auf der Straße, wo sie den mitgenommenen Karton auf der Ladefläche ihres Kleinlasters verstauten und mit ihm schnell in der Dunkelheit verschwanden.

   Am folgenden Vormittag klagten die Wachleute, die erst Stunden nach dem Einbruch aus ihrer Ohnmacht erwacht waren, immer noch über heftige Kopfschmerzen und behaupteten allen Ernstes, mit KO-Tropfen betäubt worden zu sein. Lagerverwalter Kühn führte ihr Unwohlsein hingegen aus für ihn guten Gründen auf übermäßigen Alkoholgenuss zurück, sah aber trotzdem in der Lagerhalle, von den beiden begleitet, nach dem Rechten und stellte anschließend zufrieden fest, dass nichts fehlte und alles an seinem Platz war.

„Dann können wir jetzt nachhause?“

   Kühn musterte die Wachleute und meinte nur:

„Warum, weiß ich nicht. Ihr habt doch die Nacht verschlafen. Aber ich will mal nicht so sein…“

12.

Glaser, von seiner in Stuttgart gebliebenen Freundin Lucie nur Lerche genannt, schaute verträumt aus dem Mini Airbus, der ihn nach London brachte. Auf weibliche Begleitung konnte er in der britischen Hauptstadt gut und gern verzichten. Tagsüber und in den frühen Abendstunden wollte er alle Wettkämpfe verfolgen, für die er Karten ergattert hatte. Und nachts reichte ein Anruf beim Zimmerservice, wenn er sich zu zweit amüsieren wollte.

   Seine Gedanken schweiften ab, und er ließ die Jahre bei HOLEKATE Revue passieren, die ihm das Image eines Raufbolds und mehrere Bewährungsstrafen, zum Abschied aber auch eine fürstliche Abfindung eingebracht hatten. Die reichte vielleicht nicht, um auf Dauer seinen Lebensunterhalt zu sichern, für ein hübsches Detektivbüro, in dem er nur noch die Strippen ziehen würde, aber allemal.

   Neben ihm schlummerte ein junges Ding, das ihn an seine Nichte Mechthild erinnerte und unbewusst immer wieder an sein Knie fasste, dazu etwas wie

„Küsschen!“ murmelte und ihn verlegen machte, wie es eine Frau schon lange nicht geschafft hatte. Ihr Begleiter schlief zum Glück ebenfalls und Glaser hoffte, dass es dabei blieb. Käme es mit dem jungen Mann zu einer von ihm nicht gewollten Rauferei, hätte er nach der Landung wegen seiner einschlägigen Vorstrafen ganz schlechte Karten und würde die kommenden Tage womöglich nicht in den Stadien und anderen Sportstätten, sondern in einem englischen Gefängnis verbringen.

   Glaser nippte zur Abwechslung am Tomatensaft. Stellte beim Blick aus dem Jet fest, dass er gerade den Ärmelkanal überflog und ging im Geiste noch einmal sein Besuchsprogramm durch. Heute würde er nach dem Einchecken im Royal Hotel nahe St. Pauls an einer der unzähligen Stadtrundfahrten teilnehmen, allerdings unter Verzicht auf die öden Außenbezirke. Wenn er dann noch nicht genug vom Sightseeing hatte, gab es bestimmt einen Taxifahrer, der ihn in einer altmodischen Droschke zu den wichtigsten Sportstätten der Metropole brachte. Sozusagen zum Reinschnuppern in die olympische Atmosphäre. Ansteuern wollte er vorzugsweise die Arenen der Sommerspiele wie das Olympiastadion, Wimbledon, die großartige Schwimmhalle, das Radstadion und die O²Arena, aber natürlich auch das neue Wembley Stadion.

„Sind wir schon da?“, fragte das Mädchen neben ihm ihren Freund, und der entgegnete, obwohl auch gerade erst aufgewacht, erstaunlich zartfühlend:

„Gleich, meine Süße“, worauf Glaser unvermutet ein Ziehen im Unterleib verspürte und erschreckt auf die Wölbung in seiner Hose sah. Zum Glück merkte die Sitznachbarin nichts davon, aber diese Situation war typisch für ihn. In Form kam er immer nur, wenn er unter Druck stand oder ein Konkurrent um was auch immer seinen Weg kreuzte. Das war schon so gewesen, als er noch auf hohem Niveau Boxkämpfe bestritt und zweimal das Finale der Deutschen Amateurmeisterschaft erreichte. Und hatte sich immer noch nicht gelegt, wie er mit kritischem auf das Gemächte diagnostizierte. Eine gute Stunde hatte das Mädchen ihn im Schlaf mit dem Geliebten verwechselt, ohne dass er irgendwas verspürte, doch kaum erschien der Kerl, mit dem sie ging, auf der Bildfläche, meldete sich mit Macht sein Johannes…

   Plötzlich fiel Glaser wieder ein, dass er nicht nur zum Privatvergnügen nach London flog. Zwar war das Arbeitsverhältnis mit HOLEKATE aufgelöst, nicht aber der Beratervertrag, der ihn an Dr. Gerstenmeier band. Und deshalb forderte der alte Mann zu Recht, dass er sich an der Themse vergewisserte, ob alles nach Plan lief. Obskur war schon, was der rachsüchtige Zwerg vorhatte, aber stand es ihm zu, den 83Jährigen für seinen Vergeltungsdrang zu verurteilen? Immerhin hatte der Fabrikant im Laufe der Jahre Millionen in den Leistungssport seines Landes gesteckt, und wenn er sich im Rücklauf davon einen Vorteil für sein Unternehmen versprochen hatte, war das angesichts tausender auf dem Spiel stehender Arbeitsplätze nur recht und billig gewesen.

   Auf einem anderen Blatt stand, dass Glaser Manipulationen im Sport grundsätzlich zuwider waren und ihm das Herz blutete, wenn er an die deutschen Olympiateilnehmer dachte. Jahreslanges Schindern für das große Ziel, Blut, Schweiß und Tränen wären für die Katz, wenn Athleten sich mit der von ihm ausgetauschten Paste die Zähne putzten und damit ungewollt zu Dopingsündern würden.

   Du bist undankbar, rief ihm sein Alter Ego zu, doch erstmals regten sich in ihm Zweifel an der Richtigkeit von Weisungen, die für ihn immer Befehle gewesen waren…

13.

   Bis zur Eröffnungsfeier im Olympiastadion waren es noch sechsunddreißig Stunden. Zeit, die viele Athleten gern für einen Stadtbummel oder den Besuch eines Pubs genutzt hätten. Die Betonung lag auf dem Konjunktiv, weil das Sicherheitskonzept der britischen Regierung für derartige Eskapaden keinen Platz hatte. Angesichts terroristischer Drohgebärden, unzähliger Gotteskrieger und anderer militanter Weltverbesserer allein im Großraum London schien es ratsam zu sein, alle potenziellen Ziele abzuschirmen, wie es sonst nur in Diktaturen üblich war. Und dass die Sicherheitskräfte manchmal über das Ziel hinausschossen und sogar Kontakte miteinander verheirateter Olympioniken zu unterbinden versuchten, war für viele Funktionäre angesichts der an die Wand gemalten Schreckensszenarien immer noch ein vergleichsweise kleines Übel.

   Unter diesen Bedingungen war es erstaunlich, dass die ungewöhnliche, im deutsch-chinesischen Trainingslager begonnene Romanze mit der süßen Chinesin Min Jun im Mittelpunkt kein jähes Ende fand. Im Gegenteil. Die von der Langstreckenläuferin begehrten Zwillinge sorgten bei der Ankunft im Olympischen Dorf für allerlei Tamtam, lenkten so die Aufmerksamkeit auch der chinesischen Funktionäre auf sich. Und Min Jun nutzte das Durcheinander verabredungsgemäß zur Flucht aus der Sportlerunterkunft.

   Die Pekinger Aufpasser brauchten angesichts der in Pulks eintreffenden Olympiateilnehmer aus aller Herren Länder Stunden, um das Verschwinden der Olympionikin zu bemerken. Suchten zunächst im Dorf nach der Vermissten und begriffen erst, welches Malheur geschehen war, als Min Jun sich mit einem behelfsmäßigen Reisedokument der Deutschen Botschaft in der Handtasche auf dem Weg in die Heimatstadt der beiden Brüder befand.

14.

   Den Funktionären des Deutschen Olympischen Sportbundes war Menschliches nicht fremd. Auch für die Liebelei der Sperling-Zwillinge hatten sie anfangs Verständnis gezeigt, doch war deren Verhalten in London aus der Sicht fast aller Offiziellen völlig unakzeptabel. Dass die Chinesen die Flucht einer Medaillenhoffnung als Kriegserklärung ansehen würden, hätte, wie der OK-Chef auf einer Krisensitzung monierte, auch dem Dümmsten klar sein müssen. Und dass die Zwillinge ein in vielen Ländern verbotenes und auch sittlich zweifelhaftes Dreiecksverhältnis zum Anlass nahmen, mühsam aufgebaute und immer noch komplizierte Beziehungen zu gefährden, löste bestenfalls Unverständnis aus.

   Ein Anruf aus dem Kanzleramt am Vorabend der Eröffnungsfeier sorgte dann für zusätzliche Irritation im deutschen Lager. Der hohe Ministerialbeamte, der sich auf die Regierungschefin berief, warnte den DOSB-Präsidenten ausdrücklich davor, irgendeinem Druck der Chinesen nachzugeben. Das würde falsche Signale in die Welt senden und die Rolle der Bundesrepublik als Wächterin der Menschenrechte unterminieren. Der Sportfunktionär, nicht zum ersten Mal mit Forderungen der Politik konfrontiert, fragte den Berater der Bundeskanzlerin genervt, ob er die entflohene Min Jun zur Fahndung ausschreiben lassen solle. Der Beamte reagierte mit einigen nicht druckreifen Bemerkungen und meinte dann, dass die Zwillinge keinesfalls für ihre Fluchthilfe bestraft werden dürften. Ein Ausschluss aus dem Olympiateam hätte zur Folge, dass sich alle verunglimpft fühlten, die DDR-Bürgern einst bei der Flucht in den Westen geholfen hätten.

   Der DOSB-Präsident wurde bei den letzten Sätzen des Anrufers kalkweiß, weil er den Zwillingen kurz vor dem Telefonat die Entscheidung über den Ausschluss aus dem Olympiateam mitgeteilt hatte. Wie, um Himmels Willen, sollte er dem Ansinnen der Kanzlerin Rechnung tragen, ohne selbst als Depp dazustehen?

„Machen Sie einfach, was die Chefin will!“, entgegnete der Ministerialdirektor, als der Sportfunktionär die Misslichkeit der Lage schilderte. Legte dann grußlos auf und ließ einen ratlosen DOSB-Boss zurück, der in diesen Minuten um Jahre alterte und insgeheim beschloss, sein Amt nach den Spielen aufzugeben.

15.

   Der erzwungene Zickzackkurs der Spitzenfunktionäre irritierte nicht nur die Sportwelt, sondern auch das eigene Team, das sich einhellig für den Ausschluss der Zwillinge ausgesprochen hatte und jetzt düpiert fühlte. Bei der Eröffnungsfeier waren die Spannungen in der deutschen Delegation, mehr noch aber zwischen ihr und den Chinesen zum Greifen nahe, und viele Zuschauer im Stadion und an den Fernsehern fragten sich nicht mehr, ob sie sich während der Spiele entladen würden, sondern nur noch, wann.

16.

   In der Nacht zum 28. Juli, die Feier im Olympiastadion war drei Stunden zuvor mit Glanz und Gloria zu Ende gegangen, klingelte beim Chef des chinesischen OK im Abstand von wenigen Minuten zweimal das Telefon. Li Pi, immer noch ein glühender Verehrer des Großen Vorsitzenden, las zu dieser Zeit in einem Wälzer von Gorki, weil er wie so oft Einschlafprobleme hatte. Er nahm beide Gespräche entgegen, weil nur einige Privilegierte seine Nummer kannten, und hörte den Anrufern aufmerksam zu. Hin und wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht und einmal fehlte nicht viel, dass er aufsprang und lautstark die Internationale sang.

   Nach den Telefonaten holte er seine Getreuesten aus dem Bett und fragte sie, welchen Zeitpunkt sie für die Meldung an die Antidopingbehörde für optimal hielten. Zwei Fachverbandschefs vertraten in der Diskussion die Auffassung, man müsse das IOC sofort informieren. Dabei wusste jeder in der Runde, dass sie in diesem Jahr bei den Dopingtests nur Glück gehabt hatten.

   Letztlich entschieden sich die Funktionäre für eine mittlere Position. Sie würden, so ihr Ziel, die Gesprächsaufzeichnungen noch etwas zurückhalten, die Leistungen der deutschen Sportler an den ersten drei Wettkampftagen analysieren und bei größeren Auffälligkeiten IOC und WADA mit den Gesprächsprotokollen konfrontieren.

17.

   Glaser sah sich am ersten Olympiade-Sonntag abends die Finales im Schwimmen an. Zu seiner Überraschung war kein Deutscher dabei, als die jeweils acht schnellsten Akteure der Semifinals ins Becken sprangen, und er fragte sich, wie lange es dauerte, bis das beim Zähneputzen aufgenommene Dopingmittel zu besseren sportlichen Leistungen führte. Darüber sprach er in einer Wettkampfpause mit Iglesias, der nach Spanien zurückgekehrt war, aber sofort ans Telefon ging, als er ihn anrief.

„Machen Sie sich keine Sorgen, Glaser“, riet der Iberer ihm.

„Das Trenbolon ist schon jetzt bei Tests nachweisbar, die Wirkung aber noch minimal. Das ändert sich erst in einer Woche, dann aber richtig!“

„Und wenn die Chinesen nicht die WADA informieren? Wenn meine Anrufe bei ihnen vergebens waren?“

   Iglesias stutzte und hörte sich bei der Antwort leicht genervt an.

„Wie kommen Sie denn da drauf?“

„Nur ein Gefühl, nicht mehr…“

„Ach, ihr Deutschen und die Gefühle! Die blaue Blume der Romantik, aber die eigenen Sportler verarschen! Das ist doch immer schiefgegangen! Gehen Sie nachher lieber schlafen, am besten mit einer kleinen Engländerin!“

   Über den letzten Satz musste Glaser trotz der vorhergegangenen Kritik lachen, aber irgendwie schien ihm dieses laute Wiehern im Halse stecken zu bleiben. Er sagte adieu, schaltete gegen jede Gewohnheit das Handy aus und verließ wie in Trance die Schwimmhalle, obwohl noch drei Finals ausstanden. Draußen wusste er nicht wohin, hielt nach einiger Zeit ein Taxi an und ließ sich zum Hotel bringen. Überlegte unterwegs fieberhaft, was ihm zu schaffen machte und kam auf diesen bösen Satz von den Deutschen und ihren Gefühlen, bei dem Iglesias wahrscheinlich keine Miene verzogen hatte. So sahen ihn also die anderen. Für sie war er ein abgerichteter Kampfhund, ein richtiger Wadenbeißer, dessen Gehirn wahrscheinlich in einen Fingerhut passte. Glaser wurde speiübel und er wusste, an wen er sich morgen Vormittag wenden würde.

18.

   Am Montagmorgen tagte das Politbüro genannte Führungsgremium der chinesischen Olympiafunktionäre. Erster Besprechungspunkt war das Thema Doping. Chan Fu, der Vertreter des Ok-Bosses, hatte es auf die Tagesordnung setzen lassen, weil er die Deutschen lieber garen als kurz und schmerzlos sterben sehen wollte. Er plädierte dafür, dass die Meldung an die WADA unmittelbar nach der Sitzung rausging, hoffte aber, wie er sich ausdrückte, dass es zu keiner Retourkutsche der Deutschen kam.

„Kannst du versprechen, dass kein chinesischer Sportler gedopt ist?“, fragte er den Chefmediziner und der gab sich salomonisch:

„Die Frage sollte lauten, ob ich meine Versprechen halten kann. Und da sage ich ja! Alle Athleten wurden letztmals am 24. Juli, also vor einer Woche, auf Herz und Nieren geprüft. Und es ergab sich bei diesem Abschlusscheck ein blitzeblankes Bild…“

„Obwohl wir auch dopen?“

Der Arzt lächelte selbstzufrieden.

„Das hat uns eigentlich immer ausgezeichnet. Wir müssen nicht alles an die große Glocke hängen!“

„Dann können wir es den Deutschen also zeigen?“

„Dürfen wir! Wobei ich die Halunken nicht verstehe, die sich für so etwas hergeben. Das sind Leute, die man wie räudige Hunde erschlagen sollte!“

„Das sehe ich auch so“, meinte der OK-Chef.

„Aber Sport ist so was ähnliches wie Krieg. Und da sind bekanntlich auch alle Gemeinheiten erlaubt…“

19.

   Glaser hatte einige Hürden zu überwinden, als er am Eingang des Olympischen Dorfes im Londoner Nordosten durchgelassen werden wollte. Welches Argument er such immer vorbrachte, um die herumwuselnden Ordner zu erweichen, es war den Männern in den schmucken Uniformen nicht gut genug. Erst als drei deutsche Athleten zum Ausgang strebten und neben einigen deutschen Satzfetzen das Wort Doping vernahmen, änderte sich die Situation zu seinen Gunsten und die Zerberusse ließen ihn passieren. Von einer drahtigen Olympiahostess begleitet, begab er sich zur Unterkunft des deutschen Teams, wurde dort von einer attraktiven Empfangsdame reserviert-freundlich übernommen und zum Wartebereich geführt, wo sie ihm eine Tasse Kaffee kredenzte und um etwas Geduld bat.

Gefühlte Stunden später, Glaser hatte sein Kommen fast schon bereut, holte ihn schließlich die Sekretärin des Medienbeauftragten ab und fragte ihn nach Details seines Anliegens, die er schon zwei- oder dreimal von sich gegeben hatte.

„Sie müssen diese Penetranz entschuldigen“, meinte sie mit koketter Stimme.

„Es laufen viele Spinner rum, und außerdem liegen bei den meisten die Nerven blank!“

„Verstehe ich“, meinte jetzt auch Glaser, der zufrieden wie lange nicht mehr war, als der Journalist im Dienste des OK sich endlich zeigte.

„Wenn Sie wollen, haben wir jetzt für Sie Zeit!“

   Glaser glaubte beim wir im zweiten Halbsatz an eine sprachliche Schlamperei, wurde aber schnell eines Besseren belehrt. Ehe er sich versah, saß er der gesamten deutschen Sportprominenz gegenüber, dazu einigen ausländischen Funktionären und Politikern, die er nur aus dem Fernsehen kannte. Und dann gab es noch einige Herren, die ihrem Geschäft gern unbeobachtet nachgingen.

   Der Medienbeauftragte stellte die Teilnehmer seiner Anhörung kurz vor, hatte zwischendurch sogar einen Witz auf Lager und bat zuletzt Glaser, etwas von sich zu erzählen. Was sie von ihm hörten, schien den meisten zu gefallen und irgendwann kam er, ohne es zu wollen, übergangslos zum Grund seines Besuchs.

   Geschlagene dreißig Minuten schilderte er, was seit Anfang des Jahres aus dem Ruder gelaufen war, und einige Zuhörer, die den Seniorchef von HOLEKATE kannten, zuckten bei der Nennung des Namens Gerstenmeier sichtlich zusammen. Schließlich verstummte Glaser, zitterte vor Aufregung am ganzen Körper und sah die Männer und Frauen, die über ihn richten sollten, mit leerem Blick an.

   Eine Weile hätte man eine Stecknadel zu Boden fallen hören, doch dann erhob sich einer der drei Weißkittel in der Runde, stellte sich als Dopingexperte vor und griente wie ein Lausbub.

„Ich glaube Ihnen jedes Wort! Das Problem ist nur, dass unsere Zahnpasta sauber ist. Es gab vor zwei Wochen erste Gerüchte, jemand wollte uns mit Anabolika mästen und dann beim IOC verpetzen. Und weil es in dieser gottverdammten Welt keine für alle verbindlichen Werte mehr gibt, hielten wir eine solche Attacke selbstredend für denkbar. Seitdem passen wir wie die Schießhunde auf die Athleten auf und haben bis heute Morgen kein einziges positives Testergebnis gehabt. Seltsam, oder?“

„Seltsam, sogar sehr seltsam“, bestätigte Glaser.

„Das Trenbolon aus der Tube mit der Zahnpasta müsste längst nachzuweisen sein. Zumal Dr. Iglesias das Zeug hergestellt hat.

„Iglesias?“ wollte der Arzt nochmals bestätigt haben und Glaser nickte.

„Alle Achtung! Guter Mann!“

   Dann war es wieder still, bis Glaser die Erleuchtung kam.

„Haben Sie noch das Paket, in dem die Zahnpasta drin war?“

„Das lasse ich gleich prüfen!“, bot die Sekretärin an und verschwand aus dem Besprechungszimmer.

„Sie meinen wohl, das Paket sei vertauscht worden?“, wollte der OK-Chef wissen und Glaser nickte heftig.

„Du dickes Ei!“, entfuhr es einem ansonsten seriös daherkommenden Herrn im grauen Flanell.

   Dann war die Sekretärin auch schon zurück und in ihrem Schlepptau ein Hausarbeiter, der einen recht großen Karton in den Händen hielt.

   Glaser erhob sich, nahm dem Arbeiter das Paket ab und fing scheinbar grundlos zu lachen an.

„Und?“

   Der DOSB-Boss sah Glaser an, als würde der gleich die Erschaffung der Welt verkünden.

„Die Zahnpasta in diesem Karton war für das chinesische Team bestimmt, landete aber versehentlich hier…“

„Und unser Paket bei den Chinesen?“

   Der OK-Boss konnte sein Glück nicht fassen.

„Da müssen wir wohl die WADA auf ein großes Dopingproblem hinweisen…“

„Arme Chinesen“, meinte Maaß noch, der trotz Korruptionsverdachts dem Führungsstab des OK angehörte.

„Da sind sie ausnahmsweise einmal sauber, und dann so etwas…“

Ende